Angewandte Gehirnforschung für die Schule

Wissen versus Können (1)

So erreichen Sie Ihre Lehr- und Lernziele.
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  • Manuela lernt für den Führerschein. Die Vorrangregeln hat sie verstanden, doch im Stadtverkehr hat sie die entsprechenden Verhaltensweisen noch nicht automatisiert.
  • Thomas hat einen Merkspruch für den Physik-Test auswendig gelernt und kann diesen auch wortwörtlich aufschreiben. Das physikalische Gesetz dahinter kann er allerdings nicht erklären.

Können und Wissen sind die beiden Bestandteile, die Lernerfolg ausmachen. In Ihrem Unterricht vermitteln Sie beides: Wissensinhalte und Fertigkeiten. Wo liegt der Unterschied?

Lernen ist nicht gleich lernen

Die Lernpsychologie unterscheidet explizite und implizite Lernprozesse. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil es auch unterschiedliche Lernstrategien sind, die zu diesen Lernzielen führen.

Explizites Lernen resultiert in Wissensinhalten, das sind konkrete Daten, Fakten und Geschichten, die wir auch konkret benennen können.

Implizites Lernen führt zu Fertigkeiten, Fähigkeiten, kurz: zu Können. Im Gegensatz zu Wissensinhalten können wir Fertigkeiten häufig nicht in Worte fassen. So können wir beispielsweise fahrradfahren, auch ohne genau beschreiben zu können, wie wir das Gleichgewicht halten.

So gelingt explizites Lernen

Damit wir uns explizite Wissensinhalte aneignen können, müssen wir sie in unserem Langzeitgedächtnis vernetzen. Das gelingt, indem wir Zusammenhänge erkennen und Assoziationen finden.

Impuls für den Unterricht: Fragengeleitetes Zuhören

Beginnen Sie eine Unterrichtseinheit damit, in der Klasse Fragen zum Thema zu sammeln. Sie können in Ihren anschließenden Erklärungen nun direkt an das Vorwissen der SchülerInnen anknüpfen.

So gelingt implizites Lernen

Der Lernweg, der zu implizitem Können führt, lautet Wiederholung. Je öfter wir etwas machen, desto besser werden wir es können. Im Gehirn werden im Rahmen impliziter Lernvorgänge Automatismen entwickelt. Wenn wir etwas können wollen, müssen wir üben, so oft wie möglich.

Impuls für den Unterricht: SchülerInnen werden aktiv

Was können Ihre SchülerInnen nicht gut genug? Unterstreichen? Frei sprechen oder schreiben? Aufgaben am Computer erledigen? Selbstständig arbeiten? Lassen Sie Ihre SchülerInnen all diese Fähigkeiten so oft wie möglich üben, auch wenn anfangs Schwierigkeiten auftreten.

Explizites und implizites Lernen in der Praxis

 explizit-Wissen-vernetzen | implizit-Können-wiederholen

Halten Sie ab und zu inne, um zu überlegen, was gerade ihr konkretes Lehrziel ist: Wollen Sie Wissen vermitteln oder eine Fertigkeit weitergeben? Wählen Sie entsprechende Methoden!

In jedem Fach gibt es sowohl explizite als auch implizite Lernziele. Schwierigkeiten entstehen dann, wenn einer der beiden Bereiche komplett vernachlässigt wird, wie in den Beispielen zu Beginn auch sichtbar gemacht wurde. Kompetenz entsteht dann, wenn Wissen und Können zusammentreffen.

Weiterführende Links und Downloads:

Erfahren Sie mehr über explizite und implizite Lernwege in meinem YouTube-Vortrag. Sie können sich auch gerne das Handout zum Vortrag rechts bei "Mehr zum Thema" herunterladen.

Übrigens: Dies war der erste Teil der zehnteiligen Serie „Unterrichten mit Hirn“ auf dieser Plattform. Im nächsten Beitrag werde ich Ihnen das Lernprofil vorstellen, ein screeningartiger Test zur Ermittlung und Weiterentwicklung der Selbstlernkompetenz. Parallel entsteht die Serie „Lernen mit Hirn“ für SchülerInnen (Teil 1: „Wenn ich lerne, dann…“), der sie die eine oder andere Übung für „Lernen lernen“ Projekte entnehmen können.

Ich wünsche einen erfolgreichen Start ins Schuljahr,

Ihre,

 Unterschrift_Dr Katharina Turecek





  • eingestellt am 12.09.2016
Autorin

Die Medizinerin und Kognitionswissenschaftlerin Dr. Katharina Turecek hat sich in Österreich durch zahlreiche Buchveröffentlichungen und Medienauftritte sowie als Entwicklerin des Ö3-Gehirnjoggings einen Namen als Gedächtnis- und Lernspezialistin gemacht.

Die ehemalige Jugendgedächtnismeisterin ist regelmäßig als Keynote Speaker zu hören, hat Lehraufträge an mehreren Hochschulen, ist Entwicklerin des Lernprofils und des Gehirnspaziergangs sowie Autorin des Bestsellers „Geistig fit – ein Leben lang“.

Katharina Turecek leitet das Institut für Gehirntraining a-head und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Wien.

  • Literatur-Tipp zum Thema:

     buchcover_lernprofil_180_254
    Katharina Turecek: Erfolgreich mit dem Lernprofil.

    Wien: Krenn-Verlag. Aktualisierte Neuauflage 

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