Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung in der Unterstufe

Der neue Lehrplan: Chancen und Herausforderungen

2008/09 trat der neue, kompetenzorientierte Lehrplan für die Sekundarstufe I in Kraft, acht Jahre später 2016/17 sind die Lehrerinnen und Lehrer wieder mit einem neuen Lehrplan konfrontiert. Das mag einerseits eine Herausforderung sein, spiegelt aber andererseits die aktive Community der österreichischen Geschichtsdidaktik wider.
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Der neue GSP-Lehrplan ermöglicht es Schülerinnen und Schülern, einen zeitgemäßen, modernen Unterricht zu erhalten, der sie zu historischem Denken und zu Geschichtsbewusstsein führt.

Warum ein neuer Lehrplan?

Ausgangspunkt war die Forderung aus dem Regierungsprogramm 2013–2018 nach politisch bildenden Modulen ab der 2. Klasse:

"Ziel: Politische Bildung für alle SchülerInnen der Sekundarstufe I.

Herausforderung: Vorbereitung junger Menschen auf das gesellschaftliche und politische Leben.

Maßnahme: Verankerung der Politischen Bildung als Pflichtmodul ab der 6. Schulstufe im Rahmen des Unterrichtsgegenstandes Geschichte und Sozialkunde / politische Bildung.“

(Bundeskanzleramt, 2013, S. 42)

Dies nahm die Lehrplankommission, zu der neben anderen Expertinnen und Experten auch die bekanntesten Fachdidaktiker Österreichs gehörten, zum Anlass, die aktuellen fachwissenschaftlichen und geschichtsdidaktischen Theorien und Erkenntnisse in die Lehrplandiskussion einfließen zu lassen und den Lehrplan für die Sekundarstufe I neu zu gestalten. Dadurch wird es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, einen zeitgemäßen, modernen Unterricht zu erhalten, der sie zu historischem Denken und zu Geschichtsbewusstsein führt, und damit jene Zielvorgaben zu erreichen, die seit PISA als vorrangig für das Unterrichtsfach Geschichte gelten. (Pandel, 2007,  8-9)

Was bietet der neue Lehrplan?

Der Lehrplan...

  • ist anders strukturiert.
  • verankert fachwissenschaftliche und fachdidaktische Zugänge, die von vielen Lehrerinnen und Lehrern bereits seit einigen Jahren umgesetzt werden und daher gar nicht so neu sind, nun auf offizieller Ebene.
  • implementiert neue inhaltliche und fachdidaktische Herangehensweisen.
  • stärkt die Politische Bildung.
  • entlastet inhaltlich.

Was fordert der neue Lehrplan?

 Der Lehrplan...

  • verlangt ein Umdenken bei den Lehrerinnen und Lehrern hinsichtlich der Strukturierung der Unterrichtsinhalte und der Schwerpunktsetzungen.
  • fordert von Schülerinnen und Schülern durchwegs komplexe Denkprozesse.
  • macht für Lehrer/innen eine Auseinandersetzung mit aktuellen fachdidaktischen Fragestellungen notwendig (Stichworte: konzeptionelles Lernen, handlungsorientiertes Lernen, Subjektorientierung, Prozessorientierung usw.).

Was ist neu?

1. Didaktische Prinzipien

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Diese Grundsätze sollen den Geschichtsunterricht begleiten und die Lehrperson bei der Themen- Materialien- und Methodenauswahl unterstützen bzw. anleiten. Die Auswahl der im Lehrplan genannten didaktischen Prinzipien (siehe Abbildung) verfolgt im Wesentlichen zwei zentrale Punkte der Geschichtsdidaktik:

A - Die Schüler/innen und ihr Lebensumfeld stehen im Zentrum:

  • Geschichte ergibt sich aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit aus der Gegenwart heraus und eröffnet den Lernenden Zukunftsperspektiven. (Gegenwarts- und Zukunftsbezug)
  • Die Unterrichtsthemen knüpfen an die Lebenswelt der Schüler/innen an und orientieren sich an deren Vorstellungen von Geschichte und Politischer Bildung. (Lebensweltbezug und Subjektorientierung)
  • Probleme der Gesellschaft (z.B. Krieg, Umweltprobleme, Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung) werden historisch hergeleitet, es werden Problemlösungsszenarien entwickelt und mit Gegenwarts- und Zukunftskonzepten verknüpft. (Problemorientierung)
  • Schulklassen sind Kommunikationssysteme, die den Lernprozess tragen. Deshalb ist es essentiell, die „Adressatinnen/Adressaten“ zu kennen und deren Hintergründe entsprechend des Unterrichtsthemas zu berücksichtigen, sensibel auf Rückkoppelungen zu reagieren, entsprechend zu intervenieren und die Geschehnisse und Strukturen im Unterricht stetig zu reflektieren. Themen, Materialien- und Methodenauswahl spielen im prozessorientierten Unterricht eine wesentliche Rolle und sollen immer an den Schülerinnen/Schülern sowie den Lernsettings ausgerichtet sein. (Prozessorientierung) (Vgl. dazuEcker, 2012)
  • Schüler/innen werden zum historischen Denken und politischen Handeln angeregt. Eine Kontextualisierung und Evaluierung der Handlung ist dabei notwendig. (Handlungsorientierung)

B - Geschichte soll als Konstrukt wahrgenommen werden.

  • Die Beschäftigung mit Themen aus der Vergangenheit soll sowohl inhaltlich als auch methodisch den aktuellen wissenschaftlichen Standards entsprechen. Die historischen Fakten verändern sich nicht, die Art der Bewertung dieser Fakten, die Verknüpfungen und Kontextualisierungen, die methodischen Herangehensweisen jedoch schon. (Wissenschaftsorientierung)
  • Geschichte ist ein Konstrukt, das aus der gegenwärtigen Zeit heraus aufgebaut wird und daher immer auch die Perspektivität der Gegenwart in sich birgt. Diese Perspektiven auf ein und dasselbe Thema verändern sich daher im Laufe der Zeit. Perspektivität entsteht aber auch je nach Fragestellung, Schwerpunktsetzung und Betrachtungswinkel. Den Schülerinnen/Schülern wird diese Vielfalt bewusst gemacht, kontroverse Darstellungen werden aufgezeigt. (Multiperspektivität und Kontroversitätsprinzip)
  • Mithilfe einzelner Fallbeispiele wird in die Tiefe gearbeitet. Aus Einzelbeispielen werden Erkenntnisse abgeleitet und mit anderen Ansätzen verknüpft. (Exemplarisches Lernen)

2. Basiskonzepte

Schüler/innen haben sich eine Vorstellung von der Welt, auch eine Vorstellung von der Vergangenheit zurechtgelegt. ( --> Konstruktivismus, vgl. dazu beispielsweise Reich, 2008) Diese „Konzepte“ gilt es zu erkennen, weiterzuentwickeln und miteinander zu verknüpfen. Konzepte sind an Inhalte gebunden und bilden daher den roten Faden durch den Geschichtsunterricht. Zeit, Macht, Diversität, Arbeit usw. sind Begriffe, die sich an unterschiedlichen Themen der Geschichte, der Sozialkunde und der Politischen Bildung in die Breite und in die Tiefe entwickeln lassen, sodass ähnlich einer Mindmap ein weites Netz entsteht, das die exemplarischen Inhalte des Unterrichts in eine zusammenhängende Struktur bringt. Konzepte sind subjektorientiert und holen die Schülerin/den Schüler dort ab, wo sie/er steht. Sie sind vor allem mit den Unterrichtsprinzipien exemplarisches Lernen und Subjektorientierung verbunden. Die im Lehrplan angeführten Basiskonzepte sind im Lehrplankommentar (Hellmuth & Kühberger, 2016)genauer erläutert und können durch Teilkonzepte (wie z.B. Freiheit, Revolution, Werte usw.) ergänzt werden.

3. Historisch-Politische Bildung/Längsschnitte

Zusätzlich zu den historisch bildenden und politisch bildenden Modulen findet sich im Lehrplan pro Schuljahr jeweils ein historisch-politisch bildendes Längsschnittmodul.

  • 2. Klasse: Vergangene und gegenwärtige Herrschaftsformen
  • 3. Klasse: Internationale Ordnungen und Konflikte im Wandel
  • 4. Klasse: Geschichtskulturen – Erinnerungskulturen – Erinnerungspolitik

Durch diese Module werden Geschichte und Politische Bildung verknüpft und die Historizität des Politischen sichtbar gemacht. In diesen Längsschnittmodulen wird tatsächlich die Chronologie des Jahrgangs (2. Klasse bis Mittelalter, 3. Klasse bis 1. Weltkrieg, 4. Klasse bis Gegenwart) verlassen und es sollen einzelne Themen im Längsschnitt aufgearbeitet werden. Wider den Berichten in den Medien ist die Chronologie im neuen Lehrplan ja beibehalten worden, um den Schülerinnen/Schülern die Möglichkeit einer zeitlichen Strukturierung zu geben. Einzelne Themen werden jedoch immer wieder aufgegriffen, sodass einerseits Zusammenhänge deutlicher werden und andererseits ein größerer Lerneffekt erzielt wird. So ist Griechenland zur Zeit der Antike beispielsweise nicht im Winter/Frühjahr der 2. Klasse abgeschlossen und kommt dann nicht mehr vor, sondern wird in Form von Einzelaspekten immer wieder aufgegriffen (z.B. Modul 4 Sklaverei, Modul 5 Religion, Modul 6 Welt- und Vernetzungsgeschichte, Modul 7 Herrschaftsformen ...).

4. Weg von der Nationalgeschichte hin zur Global- und Vernetzungsgeschichte

Der in der Wissenschaft eingeschlagene Weg der Fokussierung auf die Globalgeschichte spiegelt sich im neuen Lehrplan wider. Nicht mehr die Nationalgeschichten stehen im Vordergrund, sondern das Lernen über eine vernetzte Welt. Nationalgeschichten sind immer im Zusammenhang mit der allgemeinpolitischen Situation zu sehen und stehen nicht für sich alleine. Das zeigt sich am oben dargestellten Beispiel der Griechen, findet sich aber auch in den späteren Klassen, wo man eine in sich abgeschlossene Geschichte Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Österreichs vergeblich sucht. Phänomene und Ereignisse, die die Identität dieser und anderer Länder geprägt haben, sind immer in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Bilanz

In dem neuen Lehrplan 2016 für die Sekundarstufe I zeigen sich moderne Ansätze der Fachdidaktik und Fachwissenschaft, viele spannende Zugänge zum Unterrichten, aber auch einige für Lehrer/innen und Schüler/innen herausfordernde Neuerungen. Hilfestellungen und Unterrichtsbeispiele dafür finden sich auf der Homepage des Zentrum Polis oder im Arbeitsheft „Geschichte in Modulen“ (Paireder & Hofer, 2016).

  • Bundeskanzleramt, Bundespressedienst (Hrsg.);. (2013). Arbeitsprogramm der österreichischen Bundesregierung. 2013–2018. Erfolgreich. Österreich. Wien.
  • Ecker, Alois. (2012). Prozessorientierte Geschichtsdidaktik. In B. Dmytrasz, A. Ecker, I. Ecker & F. Öhl (Hrsg.), Fachdidaktik Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung. Modelle, Texte, Beispiele (S. 36–55). Wien: Edition Fachdidaktik Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung.
  • Hellmuth, Thomas, & Kühberger, Christoph. (2016). Kommentar zum Lehrplan der Neuen Mittelschule und der AHS-Unterstufe "Geschichte und Sozialkunde / Politische Bildung (2016). [Elektronische Version]. Zentrum Polis website:I Zugriff am 16. November 2016 unter http://politik-lernen.at/site/gratisshop/shop.item/106400.html
  • Paireder, Bettina, & Hofer, Jutta. (2016). Geschichte in Modulen. Lehrplan 2016. Umsetzungsbeispiele zur Politischen Bildung. Linz: Veritas.
  • Pandel, Hans-Jürgen. (2007). Geschichtsunterricht nach PISA. Kompetenzen, Bildungsstandards und Kerncurricula (2. Aufl. Hrsg.). Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag.
  • Reich, Kersten. (2008). Konstruktivistische Didaktik
  • Lehr- und Studienbuch mit Methodenpool ; [mit CD-ROM]. Pädagogik und Konstruktivismus. Weinheim ; Basel: Beltz.
  • Zentrum Polis. Lehrplan Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung Sek I (2016). Zugriff am 16. November 2016 unter http://www.politik-lernen.at/site/basiswissen/politischebildung/lehrplangskpb


  • eingestellt am 28.11.2016
Autorin

Mag. Bettina Paireder

- Lehrerin für Französisch und Geschichte und Sozialkunde / Politische Bildung an der De La Salle Schule Strebersdorf

- wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schwerpunkt: Fachdidaktik Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung der Universität Wien

- Universitäts-Lektorin

- Lehrer/innen-Fortbildnerin

- Schulbuchautorin ("Netzwerk Geschichte @ Politik“, "Meine Geschichte")

- Mitherausgeberin der Zeitschrift "historisch politische bildung

- Arbeitsschwerpunkte: Kompetenzorientierung, Reifeprüfung, Schulbuchforschung, E-Learning, digitale Medien, Unterrichtsplanung und Unterrichtsevaluierung.

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