Studien untersuchen Bildungssystem

Keine Chancengleicheit in Deutschland

Mehrere Studien zum Jahresende setzen sich mit dem deutschen Bildungssystems auseinander. Vor allem in Sachen Chancengleichheit gibt es wenig erfreuliche Ergebnisse.
Grundschullehrer und -lehrerinnen gelten bei Eltern als medienkompetent. (Bild: Fotolia/contrastwerkstatt)

Kurz vor Jahresende muss das Bildungssystem noch einmal gründlich unter die Lupe genommen werden. Zumindest vermitteln die vielen Studien, die derzeit veröffentlicht werden, diesen Eindruck: von ICILS (der internationalen Vergleichsstudie über computerbezogene Kompetenzen – kurz auch "Computer-PISA" genannt), über die Bitkom/Learntec-Umfrage zur IT-Ausstattung in den Schulen bis zum jetzt veröffentlichten Chancenspiegel und der Allensbach-Umfrage zur digitalen Medienbildung in Grundschule und Kindergarten.

Und was dort jeweils zu erfahren ist, stimmt nicht gerade optimistisch. Das gilt besonders für den Chancenspiegel. Dass die Bildungschancen in Deutschland weiterhin höchst ungleich verteilt sind, hat der neue Chancenspiegel belegt, den die Bertelsmann Stiftung mit der Technischen Universität Dortmund und der Friedrich-Schiller-Universität Jena gerade veröffentlicht hat.

In Mathematik bis zu zwei Jahre Vorsprung

Zwar gibt es bundesweit insgesamt weniger Schulabbrecher, mehr Ganztagsangebote und mehr Studienberechtigte. Aber diese Fortschritte werden von den Autoren der Studie als viel zu langsam bezeichnet. Beunruhigend ist, dass der Bildungserfolg nach wie vor stark von der sozialen Herkunft abhängt. So belegt die Studie unter anderem, dass Neuntklässler aus höheren Sozialschichten in Mathematik bis zu zwei Jahre Vorsprung vor ihren Klassenkameraden aus bildungsferneren Familien haben. 

Der sogenannte gebundene Ganztag – Schulklassen also, die über den gesamten Tag gemeinsam als Klassenverband unterrichtet werden – bietet nach Ansicht der Forscher die beste Möglichkeit die Nachteile derjenigen Kinder ausgleichen, die in ihren Familien nur geringe Unterstützung erfahren. Doch in dieser Schulform lernen in Deutschland gerade mal 14,4 Prozent der Schüler.

Auch bei der schulischen Inklusion gibt es Entwicklungen. Allerdings in zwei Richtungen: Zwar gehen immer mehr Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf auf eine Regelschule, der Anteil der Sonderschüler jedoch bleibt konstant, weil bei immer mehr Schülern ein Förderbedarf festgestellt wird.

Große Unterschiede innerhalb der Bundesländer

Dass die Bildungschancen von Bundesland zu Bundesland mitunter höchst unterschiedlich sind, hat der Chancenspiegel bereits in den vergangenen Jahren belegt. In diesem Jahr hat er erstmals auch die Bildungschancen auf Kreis- und Kommunalebene untersucht und ist zu überraschenden Ergebnissen gelangt: In Bayern etwa verlassen landesweit 4,9 Prozent der Jugendlichen ohne Abschluss die Schule. Regional allerdings schwankt dieser Anteil zwischen 0,7 Prozent und 12,3 Prozent – auch bedingt durch das jeweilige Schulangebot vor Ort. Und in Sachsen machen 44,7 Prozent der Schüler Fachabitur oder Abitur. Die kommunale Spannbreite liegt hier zwischen 32 Prozent und stolzen 63 Prozent.

Wie bei jedem Bildungsbericht ließ die Kritik nicht lange auf sich warten. Der Deutsche Lehrerverband sprach in seiner Stellungnahme davon, man könne der Bertelsmann Stiftung den Vorwurf nicht ersparen, dass sie die Karte der Bildungsgerechtigkeit spiele, im Endeffekt mit ihrem Alarmismus aber Bildungswege außerhalb des Gymnasiums und den ganzen Bereich anspruchsvoller beruflicher Bildung implizit als minderwertig diskreditiere. Und das Bayerische Bildungsministerium monierte, dass die Autoren der Studie den bayerischen Weg zur Hochschulreife über Fachoberschule (FOS) und Berufsoberschule (BOS) sowie Bayerns Weg zur Inklusion übersehen hätten. Außerdem arbeite Bayern weiter daran, die Chancengerechtigkeit und die Durchlässigkeit noch zu verbessern.

Neuen Medien spielen in der Kita keine Rolle

Die zweite Studie in dieser Woche wurde von der Deutschen Telekom Stiftung in Auftrag gegeben und von Allensbach durchgeführt. Thema: Digitale Medienbildung in Grundschule und Kindergarten. Die zentralen Ergebnisse: Erzieherinnen und Erzieher, Grundschullehrkräfte und Eltern halten in der Kita die Vermittlung von ersten Kenntnissen im Lesen, Schreiben und in Englisch für wichtiger als den Einstieg in den Umgang mit digitalen Medien wie Computer, Tablet-PC, Smartphone und Internet. Mehr noch: 35 Prozent der Erzieher und Erzieherinnen sind der Ansicht, dass der Einsatz digitaler Medien eher die Talente von Kindern verkümmern lässt. Nur sieben Prozent glauben, dass die Entwicklung der Kinder durch den Einsatz digitaler Medien gefördert werden könnte.

Grundschullehrer gelten bei Eltern als medienkompetent

In der Grundschule hingegen, so befanden die meisten der Befragten, sollte der Umgang mit digitalen Medien vermittelt werden. Und: Mehr als jede zweite Lehrkraft nutzt im Unterricht häufig oder ab und zu digitale Medien. Dabei genießen die Lehrer das Vertrauen der Eltern. Rund zwei Drittel haben den Eindruck, dass die Lehrerinnen und Lehrer ihrer Kinder generell gut mit digitalen Medien umgehen können. 59 Prozent sind überzeugt, dass sie diese im Hinblick auf die Förderung der Kinder im Unterricht auch sinnvoll einsetzen.