Kinder mit Rechenschwäche sind psychosozial stark belastet

Forderung: Schulrechtliche Gleichstellung von Lese-Rechtschreib-Schwäche und Rechenschwäche

Zwischen drei und sechs Prozent der Schulkinder leiden an einer Rechenschwäche. Und obendrein, das konnten Forscher der Ludwig-Maximillians-Universität München (LMU) bereits vor zwei Jahren zeigen, haben diese Kinder weit häufiger als bislang angenommen auch mit einer Legasthenie zu kämpfen. Eine aktuelle Studie belegt nun, dass diese Kinder außerdem überdurchschnittlich häufig an psychosozialen Beschwerden leiden. Wir sprachen mit den beiden Autoren der Studie "Psychosoziale Belastungen und Lernschwierigkeiten (PuLs)", Dr. Astrid Schröder und Dr. Lorenz Huck von den Duden Instituten für Lerntherapie über ihre Ergebnisse und über die Konsequenzen für den Schulalltag.
 Der Interviewpartner Lorenz Huck von den Duden Instituten für Lerntherapie
Dr. Astrid Schröder und Dr. Lorenz Huck von den Duden Instituten für Lerntherapie.

Frau Schröder, Herr Huck, in der PuLs-Studie haben Sie jetzt den Zusammenhang zwischen Lese-Rechtschreib-Schwäche bzw. Rechenschwäche und psychosoziale Belastungen untersucht. Mit welchen Ergebnissen?

Lorenz Huck:  Der PuLs-Studie liegen Diagnoseunterlagen zu 201 Kindern und Jugendlichen zugrunde, die im Zeitraum von 2011 bis 2014 an einem Standort der Duden Institute für Lerntherapie vorgestellt wurden. Diese Diagnosen hatten ursprünglich den praktischen Hintergrund, eine integrative Lerntherapie zur Überwindung einer Lese-Rechtschreib-Schwäche und/oder Rechenschwäche vorzubereiten. Uns interessierte rückblickend die Frage, wie viele unserer Therapiekinder zu Beginn der Lerntherapie von verschiedenen psychosozialen Problemen, z. B. von Ängsten, resignativer Selbstabwertung, sozialem Rückzug, Mobbing oder Symptomen von ADHS, betroffen waren. Für Symptome somatoformer Störungen - wie unspezifische Bauch- und Kopfschmerzen, Übelkeit und so weiter - interessierten wir uns besonders, weil der Zusammenhang zwischen dieser Störungsgruppe und Lernschwierigkeiten bisher noch nicht gut genug untersucht ist.

Wir stellten fest, dass 69,7 % der untersuchten Probanden mindestens unter einer Form psychosozialer Belastung litten und 15,8 % sogar unter mindestens drei solcher Probleme. Symptome somatoformer Störungen traten bei 20,9% der untersuchten Kinder und Jugendlichen auf. Diese Zahl ist nicht nur für sich genommen erschreckend hoch, der Vergleich mit anderen Studien, die die Gesamtheit der Kinder und Jugendlichen in den Blick nahmen, legt auch nahe, dass Kinder und Jugendliche mit Lese-Rechtschreib-Schwäche und Rechenschwäche besonders häufig von somatoformen Belastungen betroffen sein könnten.

Was bedeutet dies für den Unterrichtsalltag? Wie können Lehrkräfte diese Ergebnisse für eine bessere Förderung und Unterstützung ihrer Schüler nutzen?

Astrid Schröder: Für den alltäglichen Umgang mit Schülerinnen und Schülern ist es vielleicht am wichtigsten, sensibel für einen möglichen Zusammenhang zwischen unterschiedlichen psychosozialen Problemen und Lernschwierigkeiten zu sein. Wenn Lehrerinnen und Lehrer Kinder wahrnehmen, denen es nicht gut geht, die sich zurückziehen, ängstlich oder mit somatischen Symptomen reagieren, vielleicht aber auch durch impulsive und hektische Aktionen den Unterricht stören, sollte immer die Frage gestellt werden, ob erhebliche Lernschwierigkeiten vorliegen. Guter Unterricht und gezielte Förderung in Kleingruppen kann diesen Schwierigkeiten vorbeugen, eine Teilgruppe der betroffenen Kinder und Jugendlichen braucht aber auch intensive Einzelförderung im Rahmen einer integrativen Lerntherapie. Erfahrungsgemäß treten psychosoziale Belastungen deutlich zurück, wenn Kinder und Jugendliche im Rahmen der Therapie wieder Lernerfolge erleben und den Anschluss an den Regelunterricht finden.

Welche Schlussfolgerungen und möglichen Forderungen - zum Beispiel an die Bildungspolitik - ergeben sich aus der PuLS-Studie?

Lorenz Huck: Für die Bildungspolitik sind aus unserer Sicht vor allem zwei Ergebnisse der PuLs-Studie von Bedeutung: Ältere Kinder und Jugendliche sind von allen Formen psychosozialer Belastung, die wir untersuchten, deutlich häufiger betroffen als jüngere - ein klares Signal dafür, dass lerntherapeutische Hilfe frühzeitig einsetzen sollte, um negativen Entwicklungen vorzubeugen.

Ein weiteres bildungspolitisch relevantes Ergebnis: Kinder und Jugendliche mit einer Rechenschwäche sind von psychosozialen Belastungen häufiger betroffen als Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Der Grund für diesen Unterschied könnte sein, dass Rechenschwäche und Lese-Rechtschreib-Schwäche schulrechtlich noch immer in den meisten Bundesländern ungleich behandelt werden. Rechenschwache Schülerinnen und Schüler können daher nicht im selben Maße von der Entlastung profitieren, die Nachteilsausgleich und Notenschutz bieten. Sollte sich dieser Verdacht erhärten, ist die Konsequenz klar: Sinnvoll wäre die schulrechtliche Gleichstellung von Lese-Rechtschreib-Schwäche und Rechenschwäche. Darüber hinaus erhoffen wir uns für die Zukunft auch eine stärkere Zusammenarbeit von Universitäten und Praxiseinrichtungen, die auf wissenschaftlicher Basis arbeiten.

Details zu der PuLs-Studie finden Sie hier.    

Weiterführende Informationen zur Münchener Studie aus dem Jahr 2014 finden Sie hier.

  • eingestellt am 18.04.2016
Autor

scook