Das neue Abi in Niedersachsen, ein digitaler Schulversuch in Bayern und heftiger Streit um die Sekundarschule in Nordrhein-Westfalen

Bildung kompakt: August

Die Diskussion um die Rechtschreibleistungen der Schülerinnen und Schüler geht in die nächste Runde, Niedersachsen sucht Quereinsteiger in den Grundschuldienst, zwei Urteile beschäftigen sich mit Lehrern und Schülern. Und eine Studie aus Nordrhein-Westfalen erntet Widerspruch.
 Bunte Puzzleteile stecken ineinander.
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Die Meldungen

Rechtschreibschwach oder nicht?

Das Sommerloch eignet sich gut, um mal wieder Grundsätzliches anzusprechen. Etwa die schwachen Rechtschreibleistungen deutscher Schüler. Die, so erklärte der Vorsitzende Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung, liege nur zu einem geringen Teil an der Rechtschreibschreibreform. Vielmehr seien die Gründe eher darin zu suchen, dass Schüler weniger lesen und dass in der Schule auf Rechtschreibdiktate verzichtet würde. Der Saarbrücker Bildungsforschers Uwe Grund, der die Rechtschreibleistung von Schülern der Unterstufe seit den 1970er-Jahren untersucht, war kurz zuvor hingegen zu dem Ergebnis gekommen, dass die schwächeren Rechtschreibleistungen der Schüler eine Folge der Rechtschreibreform seien. Der Berliner Tagesspiegel beließ es nicht bei den zwei Meinungen und holte noch andere Expertisen ein. Zum Beispiel bei Petra Stanat, der Direktorin des Berliner Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Bei dem Ländervergleich des IQB aus dem Jahr 2009, bei dem auch die Orthografie-Kenntnisse von Neuntklässlern überprüft wurden, seien zwar große Unterschiede zwischen den Bundesländern festgestellt worden, erklärte sie. Der Anteil derjenigen, die nicht einmal die Mindeststandards erfüllten, sei aber vergleichsweise gering gewesen. Also steht es gar nicht so schlecht um die Rechtschreibung? Eine Antwort dazu wird es wohl nach dem Sommer geben. Im Herbst nämlich will das IQB eine Studie herausbringen, die die Ergebnisse von 2009 mit Resultaten aus dem vergangenen Jahr vergleicht.

Freiheitsberaubung und Verschleierung

Gleich zwei Urteile in Sachen Schule beschäftigten die Öffentlichkeit im August: Bei dem einen ging es ums Nachsitzen und bei dem anderen um die Frage, ob eine Schülerin einen Gesichtsschleier im Unterricht tragen darf.

Wegen Freiheitsberaubung hat das Neusser Verwaltungsgericht jetzt einen Musiklehrer verurteilt. Er hatte seinen Schülern eine Strafarbeit verpasst, die sie einzeln abgeben sollten und sie deswegen daran gehindert, nach dem Unterricht das Klassenzimmer zu verlassen. Das Gericht sprach den Pädagogen schuldig, beließ es aber bei einer "Verwarnung mit Strafvorbehalt". Der Musiklehrer muss sich nun fortbilden, um zukünftig mit schwierigen Schülern besser klar zu kommen. Andernfalls drohen ihm tausend Euro Geldstrafe.

Das Osnabrücker Verwaltungsgericht hat im August in einem Eilverfahren einem Abendgymnasium rechtgegeben, das eine Schülerin abgewiesen hatte, weil sie einen Nikab trägt. Eine muslimische Frau muss ihren Gesichtsschleier ablegen, wenn sie den Unterricht besuchen will, entschied das Verwaltungsgericht. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnte anschließend davor, verschleierte Mädchen vom Unterricht auszuschließen. "Ein Verbot der Vollverschleierung sei der vollkommen falsche Weg", so GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann. Schule sei für verschleierte Mädchen aus strengkonservativen islamischen Haushalten oft die einzige Möglichkeit, Kontakt zu Gleichaltrigen aufzunehmen.

Aus den Bundesländern

Niedersachsen: G9 und Quereinstieg

Niedersachsen hat jetzt die Reform des Abiturs nach 13 Jahren mit einer neuen Oberstufenverordnung abgeschlossen. Als erstes Bundesland hat Niedersachsen damit flächendeckend wieder das "G9" eingeführt. Nach der Abschaffung des "Turbo-Abis" gibt es erstmals im Schuljahr 2018/2019 wieder einen Schuljahrgang 11 als Einführungsphase in die gymnasiale Oberstufe.

In Niedersachsen werden jetzt auch Quereinsteiger als Grundschullehrer eingestellt. "Der große Bedarf an Lehrkräften an Grundschulen macht es erforderlich, auch Quereinsteiger ohne grundständige Lehramtsausbildung in den niedersächsischen Schuldienst einzustellen“, so das Ministerium.

Bayern: "Digitale Schule 2020"

An acht bayerischen Schulen ist der Schulversuch "Digitale Schule 2020" gestartet. Er wird von der Stiftung Bildungspakt Bayern durchgeführt und ist auf vier Jahre angelegt. An den Modellschulen sollen übertragbare Konzepte für den systematischen Einsatz digital-gestützten Lernens und Arbeitens in der Schule entwickelt und erprobt werden.

Nordrhein-Westfalen: Sekundarschule gescheitert?

Die Sekundarschule in Nordrhein-Westfalen kommt in einer Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung nicht gut weg. Fünf Jahre nach dem Schulkonsens gehe der Trend eindeutig zu Gymnasien und Gesamtschulen. Nach einer ersten Gründungswelle gebe es in diesem Jahr nur noch fünf Neugründungen von Sekundarschulen, so die Autoren der Studie. Einige seien mangels Nachfrage nicht zustande gekommen, andere diskutierten ihre Umwandlung in eine Gesamtschule. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) reagierte heftig auf die Studienergebnisse: "Die Behauptung, die Sekundarschule ist ein Flop, entbehrt angesichts von 114 Neugründungen in den letzten vier Jahren jeder Grundlage und ist ein Schlag ins Gesicht der Lehrkräfte und der Kinder, die diese Schulform besuchen", erklärte VBE-NRW-Chef Udo Beckmann. "Was die Autoren ignorieren, ist die Tatsache, dass integrierte Schulen mit Oberstufe – also Gesamtschulen - nicht in jeder Region sinnvoll und machbar sind."

Hintergrund: Die Sekundarschule ergänzt seit dem 20. Oktober 2011 als integrierte Schulform das Schulangebot in Nordrhein-Westfalen. Sie umfasst die Jahrgänge 5 bis 10, ist mindestens dreizügig und als Ganztagsschule angelegt. Die Schülerinnen und Schüler sollen sowohl auf eine berufliche Ausbildung als auch auf die Hochschulreife vorbereitet werden. In der Sekundarschule lernen die Kinder und Jugendlichen in den Klassen 5 und 6 gemeinsam. Ab der Jahrgangsstufe 7 wird der Unterricht entweder in integrierter, teilintegrierter oder kooperativer Form mit mindestens zwei Bildungsgängen angeboten.

Berufsschulen: Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung

Berufsschule und Ausbildung hinken beim Thema Digitalisierung hinterher. Nur gut jede dritte Berufsschule hat überhaupt eine gute WLAN-Versorgung. Und 40 Prozent aller Berufsschulen in Deutschland haben überhaupt kein WLAN. Das geht aus dem "Monitor Digitale Bildung" der Bertelsmann Stiftung hervor. Demzufolge setzen zwar 97 Prozent der Berufschullehrer das Internet zur Recherche im Unterricht ein. Nur 34 Prozent der Lehrer nutzen aber Lernmanagementsysteme, Selbstlernprogramme oder digitale Medien zur Entwicklung eigenständiger Inhalte. Unter den Befürwortern finden sich vor allem erfahrene Berufsschullehrer. Immerhin 77 Prozent derjenigen mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung nutzen Software im Unterricht, gefolgt von Wikis (70 Prozent) und elektronischen Tests (43 Prozent). Kollegen mit weniger Erfahrung bleiben dahinter zurück, obwohl sie zu den Digital Natives gezählt werden. Nur 56 Prozent von ihnen nutzen Software, 37 Prozent Wikis und 29 Prozent elektronische Tests. Grund dafür: Berufseinsteigern fehlt die Zeit, sich mit digitalem Lernen zu befassen.

  • eingestellt am 30.08.2016
Autor

scook