Interview mit Ulrike Göttner über Virtual Reality

Mit Virtual Reality abstrakte Prozesse im Biologieunterricht selbst erleben

Innovative Entwicklungen ermöglichen neuartige Zugänge zu Lerninhalten. So können abstrakte Prozesse durch die Technologie "Virtual Reality" sichtbar und erfahrbar gemacht werden. Der Cornelsen Verlag experimentiert bereits auf diesem Gebiet. In Kooperation mit Samsung entwickelte der Verlag einen Piloten zur interaktiven Reise durch das Innere des Körpers und testet diesen gerade bundesweit an 5 Schulen. Ulrike Göttner vom Berliner Archenhold-Gymnasium hat die Virtual-Reality-Unterrichtseinheit mit ihrer Klasse erprobt. Erzählt hat sie uns, wie der Unterricht ablief, welchen Nutzen VR bringt, aber auch, was verbessert werden könnte.
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Virtual Reality-Applikation für den Biologieunterricht

Frau Göttner, Sie haben im Biologieunterricht einer neunten Klasse ein VR-App erprobt. Zunächst einmal: Wie funktioniert diese App?

Ulrike Göttner: Zur Ausstattung gehören Tablets, Smartphones, VR-Brillen – in diesem Fall war es das Kapitel "Ernährung und Verdauung". Zunächst wird eine App auf Tablet und Smartphone aktiviert. Die läuft dann auf beiden Geräten synchron, denn die Schüler arbeiten in Zweiergruppen – einer am Tablet, einer mit VR-Brille und dem Smartphone, das in die Brille eingesetzt wird. Dann bearbeiten die Schüler in Partnerarbeit interaktiv Module zu den Themen Verdauung im Mund, in der Speiseröhre, im Magen und im Dünndarm. Der Schüler mit dem Tablet kann zwar sehen, was der andere Schüler mit der VR-Brille sieht, allerdings kann er es nicht räumlich erleben. Und: Partnerarbeit ist hier wirklich wörtlich zu verstehen. Nur wenn der Schüler auf dem Tablet die richtige Antwort gibt, geht das Programm für beide Schüler weiter. Ein anderes Beispiel: Der Schüler muss auf dem Tablet bestimmte Bewegungsrichtungen mit dem Finger korrekt nachzeichnen, damit dann in der VR-Brille die richtige Aktion abläuft.

Das hört sich zwar interessant, aber auch kompliziert an. Was haben die Schüler dazu gesagt?

Ulrike Göttner: Dazu muss ich sagen, wir haben hier an der Schule bereits Medienklassen, die mit Laptops arbeiten und deswegen sind die Schüler es gewohnt, mit verschiedenen Medien umzugehen. Es war also für sie nicht komplettes Neuland. Aber: Sie waren begeistert und hoch motiviert. Obwohl 30 Schüler jeweils in Zweiergruppen gearbeitet haben, gab es keine Unruhe. Im Gegenteil, die Arbeits- und Lernphasen waren sehr intensiv.

Und wie haben Sie selbst diesen Unterricht empfunden?

Ulrike Göttner: Für mich war es eine tolle Alternative zu dem, was man bisher zusätzlich machen konnte: also etwa mit Modellen arbeiten oder mit Rollenspielen und Arbeitsblättern. Hier konnten die Schüler virtuell in ihren Körper hineinschauen und die einzelnen Abläufe der Verdauung nacherleben. Das ist schon eine intensive Erfahrung. Die Darstellung ist ziemlich realistisch, aber man kaut natürlich kein echtes, sondern ein animiertes Sandwich. Deswegen haben die Schüler auch noch eine Distanz dazu, sodass ihnen – was in diesem Fall passieren könnte - nicht übel wird.

 Schülerin testet eine neue Virtual-Reality-App.
Die Virtual-Reality-App eröffnet Schülerinnen und Schülern neue Möglichkeiten.
Eignet sich diese Kombination von Schulbuch und Virtual Reality Ihrer Meinung nach ganz besonders gut für das Fach Biologie oder glauben Sie, dass es auch in anderen Fächern funktioniert?

Ulrike Göttner: Auf jeden Fall ist es für alle Naturwissenschaften geeignet. Aber auch für andere Fächer. Für das Fach Ethik etwa, wenn man andere Kulturen und Religionen erfahrbar machen möchte. Es gibt Studien, die zeigen, dass Virtual Reality die Empathiefähigkeit schulen kann. Gerade im Ethikunterricht geht es auch um die Übernahme verschiedener Perspektiven. Das ist ja eine Handlungskompetenz, die die Schüler erwerben sollen. Für mich gut vorstellbar wäre ein Modul mit Dilemmageschichten, die die Schüler miterleben und die sie dann virtuell durchspielen können. Oder auch, dass man im Fach Deutsch Räume zu literarischen Werken selbst gestalten oder miterleben kann.

Noch mal zurück zur Biologie und der App, die Sie getestet haben. War sie perfekt oder haben Sie Verbesserungsvorschläge?

Ulrike Göttner: Auch andere Kollegen in unserer Schule haben damit gearbeitet und wir alle wünschen uns, dass - wenn das System denn in die Schule kommt  - wir als Lehrer die Möglichkeit haben, die Module zu bearbeiten. Dass nicht alles vorgefertigt ist, sondern individuell bearbeitet und an die Lerngruppe angepasst werden kann. Schließlich ist ja dies gerade der Vorteil der digitalen Angebote gegenüber dem Schulbuch: Hier kann man etwas aktualisieren, ergänzen oder verändern.

Sie haben viel Positives zu berichten. Gab es denn gar keine Probleme?

Ulrike Göttner: Im Prinzip lief alles problemlos. Man muss sich allerdings darüber im Klaren sein, dass man etwas Zeit investieren muss, bis die Abläufe zur Routine werden. Was vielleicht anstrengend werden könnte, ist, dass man Brillen, Handys und Tablets regelmäßig vorbereiten, anschalten und schließlich auch wieder einsortieren muss. Das kostet Zeit. Aber wir hatten verantwortliche Schüler, die diese Aufgaben übernommen haben. Und so wird auch eine weitere Kompetenz gefördert: eigenverantwortliches Handeln.