Flucht – Migration – Integration

DaZ-Schüler unterrichten: Ein Mutmacher-Artikel

"Wie sollen wir uns verständigen?" "Wie soll ich das obendrauf noch leisten?" "Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt." – Trotz allen guten Willens gibt es sie zwischendurch immer wieder: Fragen, Zweifel, Schwierigkeiten und Frust. Dann hilft dieser Artikel – als Ratzfatz-Tröster und Mutmacher.
 Schüler sitzen als Gruppe lachend auf der Wiese.
Mutmacher: Neue Unterrichtsform meistern.

Schüler mit Flucht- oder Migrationshintergrund unterrichten: Mutmacher für Durchhängermomente


Dass Sie als Lehrer selten nach „Schema F“ vorgehen können und das Schulleben Sie mit den buntesten Herausforderungen überrascht, ist für Sie längst Alltag. „Flexibilität“ ist Ihr zweiter Vorname – und Sie engagieren sich enorm, um tatsächlich alle Ihre Schützlinge bestmöglich unterrichten, begleiten und fördern zu können. Die steigende Zahl an Schülern mit Flucht- oder Migrationshintergrund stellt Sie noch einmal vor ganz neue Herausforderungen – und bei aller Motivation und allem Einsatz: Sorgen, Zweifel und auch Frust bleiben da kaum aus. Was hilft, sind Perspektivwechsel, Denkanstöße und Worte, die Ihnen neuen Mut machen. Genau die haben wir hier für Sie im Gepäck – in Form von acht ganz praktischen „Erste-Hilfe-Tipps“.

1. Weniger müssen: Nehmen Sie sich den Druck.

Flüchtlingskindern und Kindern mit Migrationshintergrund auf Ihrem Weg in und durch das deutsche Schulsystem zu begleiten, ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Diese Verantwortung kann schnell in negativen Druck umschlagen: Was, wenn Sie etwas falsch machen? Machen Sie sich bewusst: Es ist für alle Beteiligten "Learning by Doing", niemand hat die eine Antwort oder den einen Weg. (Vermeintliche) Fehler gehören dazu und führen zu neuen Ansätzen.
Die Biografien, Charaktere und Fähigkeiten sind genauso unterschiedlich wie die Voraussetzungen an den Schulen, die Umsetzungsmöglichkeiten und die individuell richtigen Ansätze. Das kann Ihnen Angst machen – oder Ihnen den Druck nehmen. Befreien Sie sich von zu vielen "Ich muss ..."- und "Ich darf nicht ..."-Gedanken und vertrauen Sie auf Ihr Gespür und Ihre Fähigkeiten. Denn:

2. Machen Sie sich klar: Sie bringen hervorragende Voraussetzungen mit.

Über den Blick auf alles, was Sie (noch) nicht wissen oder können, vergessen Sie wahrscheinlich, auf wie viel Know-how Sie zurückgreifen können und wie viele wertvolle Kompetenzen Sie bereits mitbringen. Erinnern Sie sich selbstbewusst: Sie sind ausgebildeter Experte mit einem breiten Wissens- und Erfahrungsschatz – und den können und sollten Sie nutzen.
Sie wissen, wie Sie empathisch mit Schülern umgehen, wie Sie Schüler individuell fördern und auch, wie Sie die Klassengemeinschaft fördern können. Sie haben schon jetzt so viele tolle Ansätze, Methoden und Möglichkeiten in Ihrem Repertoire – besinnen Sie sich auf Ihr Wissen und Können und wenden Sie es auf die neuen Herausforderungen an.

3. Vertrauen Sie auf "das Zwischenmenschliche".

Natürlich gibt es in der Praxis immer wieder kleine und auch größere Hürden. Vieles gestaltet sich rein praktisch aber auch leichter als gedacht – und wenn Sie erst mal "machen" und "in Fahrt sind", lösen sich viele Probleme von selbst.
Die Sprachbarriere beispielsweise mag Ihnen anfangs wie eine große Kluft erscheinen. Bei der Verständigung mit Händen und Füßen zählt aber zum Glück viel mehr als nur das Inhaltliche: Das Zwischenmenschliche macht vieles wett. Wenn Sie offen, positiv und herzlich auf die neuen Schüler und ihre Eltern zugehen, ist das die wichtigste Basis. Und wenn Sie menschlich erst mal einen Draht zueinander gefunden haben, ist vieles nur noch halb so wild.

4. Sie sind nicht allein – verschaffen Sie sich ruhig Entlastung.

Als Lehrer sind Sie über weite Strecken Einzelkämpfer – und genau das kann sehr belastend werden. Statt die ganze Verantwortung auf Ihren Schultern zu tragen, vernetzen Sie sich mit Ihren Kollegen. "Geteiltes Leid ist halbes Leid", sagt man nicht umsonst; und so manche Aufgabe können Sie sich ökonomisch aufteilen. 
Suchen Sie ruhig auch außerhalb des Kollegiums nach Unterstützung. Ehrenamtliche, Eltern, Schüler oder externe Angebote – Sie dürfen und sollen um Hilfe bitten. Und wahrscheinlich werden Sie überrascht sein, wie gerne andere Sie bei Ihrer wertvollen Arbeit entlasten und unterstützen.

5. Machen Sie sich klar, wofür Sie es tun.

Noch mehr Arbeit, noch mehr Verantwortung, noch mehr Nerven und Energie – wenn der Stress steigt, sinkt oft die Motivation. Nehmen Sie sich immer mal wieder einen Moment, sich über Ihr ganz persönliches Warum klar zu werden. Von "Ich möchte den Schülern den bestmöglichen Start in Deutschland ermöglichen!", über "Ich finde es so schön, die positive Entwicklung zu sehen!" bis hin zu "Meine Großeltern mussten flüchten. Deshalb möchte ich dringend helfen." können es ganz unterschiedliche Aspekte sein. Aber ganz gleich, was genau es ist: Wenn Sie sich bewusst machen, wofür genau Sie sich derart engagieren, bringt das einen echten Motivationskick.

6. Nicht persönlich nehmen: Fühlen Sie sich ein.

Wenn die neuen Schüler durch auffälliges Verhalten Ihren Unterricht torpedieren, Ihre Geduld auf die Probe stellen und Ihre Mühe scheinbar kaum zu schätzen wissen, rufen Sie innerlich "Stopp!". Machen Sie einen Schritt zurück, atmen Sie tief durch und erinnern Sie sich daran: Niemand will Sie persönlich ärgern – und für das anstrengende Verhalten gibt es meist vielfältige Gründe. Gerade Schüler mit Flucht- oder Migrationshintergrund haben viel zu verarbeiten und sind oft sogar traumatisiert. Mit diesem Wissen im Hinterkopf, können Sie schwierige Situationen anders einordnen – und sich weniger ärgern.  

7. Überlegen Sie, wie Sie und die Mitschüler profitieren.

Der Blick geht meist nur in die eine Richtung – schauen Sie doch auch einmal bewusst in die andere: Wie bereichern die neuen Schüler Sie und Ihre Klasse? Was hat Ihnen Freude gemacht, was hat sich für Sie positiv verändert, was haben Sie gelernt und inwiefern sind Sie gewachsen? Statt nur zu betrachten, was Sie investiert haben, konzentrieren Sie sich einmal ganz bewusst auf das, was Sie bekommen haben – ein Perspektivwechsel, der neuen Schwung bringt

8. Es gibt mehr Erfolge als Sie denken – ziehen Sie Bilanz.

Im Alltag bleibt oft wenig Zeit für bewusstes Resümieren: Es ruft immer schon die nächste Stunde, der nächste Termin oder die nächste (Unterrichts-)Vorbereitung. Nehmen Sie sich trotzdem regelmäßig ein paar Sekunden, um bewusst auf die (kleinen) Erfolge zu schauen, die Sie sonst beim Hasten von Woche zu Woche schnell übersehen.
Überlegen Sie gezielt: Was ist besonders gut gelaufen? Was hat sich positiv entwickelt, was ging beim letzten Mal noch nicht und diesmal schon? Welche Momente waren besonders schön, was hat Sie gefreut und worauf waren die Schüler besonders stolz? Gewöhnen Sie sich an, nicht nur den Weg zu betrachten, der noch vor Ihnen liegt, sondern auch den, den Sie schon bewältigt haben. Das gibt jede Menge Motivation – und das nicht nur in der Schule.

Zum Weiterlesen: Erste Schritte in Grundschulen und Sekundarstufen und 10 konkrete Praxistipps

Die wichtigsten ersten Schritte für die Anfangszeit mit den neuen DaZ-Schülern haben wir in eigenen Artikeln für Sie skizziert – einmal speziell für Grundschullehrer und einmal für Sekundarstufenlehrer. Und für Ihre tägliche Unterrichtspraxis haben wir hier 10 konkrete Tipps und Impulse für Sie gebündelt.  

Quellen:
"Flucht und Migration – Herausforderungen für pädagogisches Handeln von Lehrkräften" von Olga Ermel und Stefan Faas, Schulmagazin 5-10, Ausgabe 9/2016, S. 7 ff

"Flüchtlingskinder und jugendliche Flüchtlinge in der Schule – eine Handreichung" von Hanne Shah, www.km-bzw.de, Ministerium für Kultur, Jugend und Sport Baden-Württemberg, S. 18 ff (http://km-bw.de/site/pbs-bw-new/get/documents/KULTUS.Dachmandant/KULTUS/kultusportal-bw/Publikationen%20ab%202015/2015-10-21-Fluechtlingskinder-Screen.pdf)



  • eingestellt am 11.10.2016
Autor

scook