Interview mit Helen Hannerfeldt über die Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern

"Bloß nicht unsicher sein!"

Für etliche Schüler und Lehrer werden nach den Ferien die Karten neu gemischt. Die Schüler bekommen neue Lehrer und neue Mitschüler, die Lehrer stehen neuen Schülern und damit auch neuen Eltern gegenüber. Schüler und Lehrer lernen sich zwangsläufig rasch kennen. Doch was ist mit den Eltern? Wie und wann wird der Grundstein für eine möglichst gute Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern gelegt? Das wollten wir von der Diplom-Psychologin Helen Hannerfeldt wissen, die als Trainerin bereits viele Lehrkräfte geschult hat.

Frau Hannerfeldt, haben Sie zwei, drei Ratschläge, wie ich als Lehrkraft von Anfang an ein gutes Verhältnis zu den Eltern meiner Schüler aufbauen kann?

Helen Hannerfeldt: Ich halte sehr viel davon, wenn die Lehrkräfte die neuen Eltern schnell kennenlernen. Ideal ist ein 10- oder 15-Minuten-Gespräch mit den einzelnen Eltern. Das ist allerdings sehr aufwendig. Wichtig ist auf jeden Fall der erste Elternabend. Dort sollte man den Eltern so neutral wie möglich begegnen. Sicher: Kein Mensch ist neutral. Wir alle gehen mit Vorurteilen durchs Leben. Aber zu versuchen, so vorurteilsarm wie möglich zu sein, ist eine wichtige Voraussetzung für eine gute Beziehung. Hilfreich kann auch sein, anfangs erst sehr wenig über die Eltern zu wissen, um sie möglichst unvoreingenommen kennenzulernen. Und nicht von vorneherein zu denken: Die Eltern wohnen in diesem oder jenem Gebiet, da weiß ich ja schon, wie die ticken.

"Mit einer positiven Wertung beginnen"

Und wie läuft so ein erster Abend dann idealerweise ab?

Helen Hannerfeldt: Manchmal ist es gar nicht so schlecht, wenn man zu zweit dort sitzt und das Ganze ein bisschen aufteilt. Außerdem sollte man von Anfang an erklären, wie man sich die Zusammenarbeit vorstellt. Außerdem: Bloß nicht unsicher sein! Denn wenn ich unsicher bin und diese kleine Unsicherheit am Anfang zeige, dann liegt das Kind schon im Brunnen. Etwa: „Ja, es tut mir leid, dass wir später beginnen, aber ich hatte Kopfschmerzen und noch so viele Arbeiten zu korrigieren.“ Selbst wenn ich im Urlaub mein Knie verletzt habe, und nun humpeln muss, sollte ich nicht über die eigene Befindlichkeit klagen. Der Abend muss mit einer positiven Wertung beginnen. “Ich freue mich, dass Sie hier sind!“ Und nicht: „Schade, dass nur so wenige Eltern gekommen sind.“ Die normale Präsentationsregel heißt: Ich komme in den Raum, bleibe stehen und gucke erst meine Zuhörer an, bevor ich zu sprechen beginne. Die Spannung steigt und dann begrüße ich sie und sage, dass ich mich freue.

Dann gibt es ja noch die individuelle Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern am Elternsprechtag.

Helen Hannerfeldt: Da gibt es ganz einfache Regeln, zum Beispiel für ein Feedback. Beim Elternsprechtag geht es sowohl um das Positive wie um das Negative. Und es gibt immer Dinge, die die Schüler gut gemacht haben. Ich muss unbedingt mit dem Positiven anfangen. Auch wenn es nur ein oder zwei Sachen sind und die negativen Ereignisse überwiegen. Denn was passiert bei den Eltern, wenn ich mit dem Negativen beginne? Sie hören das Positive nicht mehr. Wenn es zwei negative und zehn positive Dinge zu berichten gibt und ich beginne mit den negativen, dann werden die zehn positiven Berichte nicht mehr gehört, weil die Eltern damit beschäftigt sind, was nicht gut gelaufen ist. Wichtig ist außerdem, zu beschreiben, was ich gesehen habe, ohne eine Bewertung abzugeben. Doch das ist nicht einfach für Lehrer, weil das Bewerten zu ihrem Beruf gehört.

Gern wird in diesem Zusammenhang von Kommunikation auf Augenhöhe gesprochen. Ist das mehr als nur eine Floskel?

Helen Hannerfeldt: Die Augenhöhe ist wörtlich gemeint. Und sie ist wichtig. Das beginnt bei der Sitzordnung. Sie sollte so gestaltet sein, dass man auf Augenhöhe – also gleichberechtigt -miteinander redet. Dass man sich an einem Tisch – möglicherweise sogar noch einem Schreibtisch - nicht direkt gegenüber sitzt, sondern an einem normalen Tisch über Eck Platz nimmt. So wie man auch in anderen alltäglichen Situationen mit anderen Menschen kommuniziert. Dazu kommt ein ganz wichtiges Instrument: Zuhören. Nicht schon zu Beginn des Gesprächs meinen, man wisse, was am Ende rauskommt. Auch wenn ich vielleicht innerlich mit den Augen rolle, sollte ich Verständnis zeigen. Kurzum: Der Lehrer ist an dieser Stelle auch ein bisschen Diplomat. Es gibt eine gute Regel dazu: Ich muss nicht immer alles sagen, was ich denke. Aber bei dem, was ich sage, sollte ich authentisch sein.

Tipp: Rollenspiel mit den Kollegen

Nicht alle Eltern sind "pflegeleicht". Was raten Sie, wenn Eltern nur ihr eigenes – besonders gut geratenes und hochintelligentes – Kind sehen und die Realität nicht wahrnehmen wollen?

Helen Hannerfeldt: Ich würde einfach fragen: "Woher entnehmen Sie Ihre Beobachtung?" Dabei würde ich die Aussagen der Eltern nicht infrage stellen, sondern sie ganz höflich um eine Beschreibung bitten und verständnisvoll – oder auch sogar naiv – nachfragen. Klar, solche Situationen können auch Stress auslösen und es besteht die Gefahr, in Verhaltensmuster zu verfallen, die eine Eskalation fördern. Aber man kann sich in Rollenspielen mit Kollegen gut auf solche Situationen vorbereiten.

Sie sind ja häufig in Schulen unterwegs. Wird dieses Instrument in den Kollegien genutzt?

Helen Hannerfeldt: In ganz wenigen Schulen, in denen ich bisher war, wurde auch der Wunsch laut, solche Situationen in Rollenspielen zu üben. Aber dort, wo wir geübt haben, gab es anschließend richtige Aha-Erlebnisse. Denn wenn ein solches Rollenspiel gut angeleitet wird und wenn man es differenziert auswertet, dann ist der Lerneffekt sehr groß. Und das hat positive Auswirkungen auf die Kommunikation und die Zusammenarbeit mit den Eltern.

  • eingestellt am 24.08.2016
Autor

scook

  • Das scook Interview

     Interviewpartnerin Helen Hannerfeldt










    Die Diplom-Psychologin Helen Hannerfeldt arbeitet seit vielen Jahren als selbstständige Trainerin, Coach und Beraterin.