Rund um Heterogenität und Inklusion

Richtig differenzieren im Unterricht

In Zeiten stark heterogener beziehungsweise inklusiver Klassen kommen Sie um das Thema Differenzierung nicht herum. Müssen Sie aber auch gar nicht – denn mit diesen Top-Tipps zum differenzierten Unterricht sind Sie bestens gerüstet.
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Wer unterrichtet, hat oft mit heterogenen Lerngruppen zu tun. (Bild: Fotolia/ Harald Biebel)

Differenzierung – unverzichtbar für die Kompetenzentwicklung

So unterschiedlich die Meinungen rund um Schule und Unterricht sonst auch sind und so hitzig die Debatten geführt werden: In einem sind sich die Fachleute ausnahmsweise einig – nämlich darin, dass "Individualität und Einigartigkeit die Basis für fachliche und methodische Kompetenz bilden".1 Ohne Differenzierung sind die allseits angestrebten Zielsetzungen zur Kompetenzentwicklung schlichtweg nicht erreichbar:


Nur durch die "Unterscheidung, Verfeinerung, Abstufung und Aufteilung der Lerninhalte"2 können Sie den Unterricht so auf die individuellen Lernbedürfnisse zuschneiden, dass jeder Schüler optimal gefördert und gefordert werden kann. Gerade Angesichts inklusiver Klassen und heterogener Lerngruppen ist eine sinnvolle Differenzierung des Unterrichts wichtiger denn je.

Vielleicht kommen Ihnen an dieser Stelle Bedenken und Sie fragen sich, wie das Differenzieren trotz Zeitdruck, Ressourcenknappheit, Platz- oder Materialmangel praktikabel sein soll. Lassen Sie sich nicht vorschnell entmutigen: Es ist längst nicht so kompliziert, wie Sie vielleicht befürchten. Vier Top-Tipps zum Thema haben wir einmal für Sie zusammengefasst. Alle Anregungen sind dem Ratgeber "99 Tipps: Differenzieren im Unterricht" von Wencke Sorrentino, Hans Jürgen Linser und Liane Paradies entnommen (Cornelsen, ISBN 978-3-589-22885-0).

Die richtige Differenzierungsweise auswählen

Die Möglichkeiten, Differenzierung in den Unterricht zu integrieren, sind vielfältig. Überlegen Sie vor jeder Unterrichtsplanung genau, welche Form Sie einsetzen möchten. Die Schüler können ...

  • … verschiedene Texte auf unterschiedlichen Niveaus bearbeiten.
  • … unterschiedliche Informationsquellen nutzen, zum Beispiel differenzierte Arbeitsblätter, Sachbücher oder das Internet.
  • … Material zu einem Thema suchen, sichten und bearbeiten.
  • … individuelle Aufträge bearbeiten, etwa ein Referat vorbereiten, eine Präsentation halten oder ein Interview führen.
  • … eigenständig arbeiten und üben, beispielsweise beim Stationenlernen, der Freiarbeit oder anhand von Arbeitsplänen.
  • … selbst Übungsmaterial erstellen, zum Beispiel Lernkärtchen oder Lernspiele.
  • … eigenständig Probleme lösen, durch offene Aufgaben oder Aufgaben, die unterschiedliche Anforderungen stellen.
  • … anderen Schülern helfen, als Experten, Helfer oder Partner.
  • … selbst die Unterthemen zur Unterrichtseinheit suchen, etwa über eine Mindmap, eine Lernlandkarte oder ein Projekt.
  • … verschiedene Sozialformen nutzen, also Einzelarbeit, Gruppenarbeit oder Arbeit im Plenum.
  • … gruppenweise Experimente durchführen.
  • … Klassengespräche leiten.

Die unterschiedlichen Voraussetzungen beachten

Die Einteilung in Lerngruppen nach Leistungsfähigkeit, nach Interessen oder aus sozial-integrativen Gründen ist letztlich nichts anderes als eine Differenzierung nach Lernvoraussetzungen. Wenn Sie die Schüler entsprechend Ihrer Leistungsfähigkeit in homogene oder heterogene Lerngruppen aufteilen, achten Sie darauf, nicht nur in der Materialmenge zu variieren. Statt den "starken" Schülern also einfach nur mengenmäßig mehr Aufgaben zu stellen, versuchen Sie lieber, Materialien mit höherem Schwierigkeitsgrad und längerer Bearbeitungsdauer einzusetzen.

Zur Differenzierung anhand der Interessen lassen Sie die Schüler selbst die Lernangebote auswählen, die sie bearbeiten möchten. Sie können beispielsweise differenzierte Lernaufgaben in Form von Experimenten, dem Schreiben von Texten und der Gestaltung von Collagen zur Auswahl stellen, aus denen sich jeder Schüler das Angebot heraussuchen darf, das seinen Interessen und seinem Lerntyp entspricht.

Alternativ kann der Schwerpunkt bei der Aufteilung auch auf der Sozialisation und Integration liegen – und zwar nicht nur mit Blick auf bestimmte Lerntypen oder das Geschlecht, sondern beispielsweise auch auf kulturelle Hintergründe. "Außenseiter" und Schüler mit Einschränkungen werden so ganz bewusst mit einbezogen. Geht es im Religionsunterricht beispielsweise um die Weltreligionen können Sie muslimische Schüler gezielt als Islam-Experten einteilen und so ihr besonderes Wissen anzapfen, statt sie zu Außenseitern zu machen.

Flexible Ziele setzen

Starre Lernziele, die für alle Schüler gleichermaßen verbindlich sind, vertragen sich natürlich eher schlecht mit echter Differenzierung. Besser ist es da, bei der Unterrichtsplanung ein Lernziel als Minimalziel zu definieren, das alle Schüler erreichen sollen. Danach spielen Sie den geplanten Stundenverlauf einmal gedanklich durch formulieren stufenweise zusätzliche Lernziele, inklusive der Methoden und Materialien.

Ein Beispiel aus dem Mathematikunterricht macht das Vorgehen sicherlich klarer: Als Minimalziel sollen alle Schüler ihre Ideen zu Wahrscheinlichkeit und Zufall bezogen auf das Ausgangsproblem mit zwei Würfeln diskutieren und die Ergebnisse des Wahrscheinlichkeitsexperiments korrekt dokumentieren, indem sie die Augensummen auf der Steckleiste festhalten.

Auf zweiter Stufe geht es dann um die Verbalisierung: Die Schüler sollen ihre Beobachtungen zu den im Säulendiagramm dargestellten Daten und Sachverhalten in Worte fassen. Die höchste Stufe erfordert schließlich eine Transferleistung: Die Schüler sollen die Darstellungsmöglichkeiten der verschiedenen Augensummen (Additionsaufgaben, Zahlzerlegungen) in Form einer Tabelle wiedergeben und ihre Vermutungen und Begründungen für die Häufigkeiten nennen. Diese besonders anspruchsvollen Ziele werden natürlich nur einige wenige Schüler erreichen.

Die eigene Rolle bewusst klären

Im differenzierten Unterricht sind Sie Dozent, Moderator und Berater. Wichtig ist, dass Sie sich zu jeder Zeit im Klaren darüber sind, welche Rolle Sie gerade erfüllen und welche Aufgaben diese mit sich bringt.

Als Dozent …
  • stellen Sie den Schülern Ihren Wissensvorsprung und Ihre Übersicht als fachliche Autorität zur Verfügung,
  • planen und strukturieren Sie den Lernprozess,
  • stellen Sie sinnvolle Bezüge zu außerschulischen Bereichen her und
  • nutzen und beherrschen Sie den Einsatz fachspezifischer Materialien und Medien.
Als Moderator beziehungsweise Lerngestalter …
  • beraten und unterstützen Sie die Schüler beim selbstständigen Lernen,
  • sorgen Sie für optimale Lernbedingungen und
  • erziehen Sie die Schüler zu selbstbewussten, hilfsbereiten und kritikfähigen Menschen.
Als Berater …
  • kennen Sie das Netzwerk des jeweiligen Schülers,
  • kennen Sie seine Stärken und Potenziale,
  • kennen Sie sein Umfeld,
  • pflegen Sie den Kontakt zu den Eltern und anderen Bezugspersonen und
  • prägen die Art und Weise, wie der Schüler mit Erziehung, Bildung und Ausbildung umgeht.

Ein gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis ist sicherlich wichtig, achten Sie jedoch darauf, nicht in die Kumpelrolle zu verfallen. Am Ende des Tages sind Sie schließlich ein Fachmann beziehungsweise eine Fachfrau – und als solche/-r tragen Sie vor allem die Verantwortung für die schulische Erziehung und alles, was damit zusammenhängt.

Literatur

1 Entnommen aus: "99 Tipps: Differenzieren im Unterricht" von Wencke Sorrentino, Hans Jürgen Linser und Liane Paradies, ISBN 978-3-589-22885-0, Cornelsen, S. 9

2 Entnommen aus: "Differenzieren im Unterricht" von Liane Paradies und Hans Jürgen Linser, ISBN 978-3-589-23150-8, Cornelsen Scriptor, S. 10

  • eingestellt am 19.02.2015
Quelle

scook