Interview mit der Trainerin Susanne Döbler-Eschbach

Teamarbeit ist ein Schlüssel für Gesundheit

Um die Gesundheit der Lehrer steht es nicht besonders gut. Rund 60 Prozent aller Lehrkräfte klagten schon vor Jahren laut Potsdamer Lehrerstudie über Erschöpfung, Überforderung und Resignation. Was sind die Ursachen und was können Lehrer selbst für ihre Gesundheit tun? Das wollten wir von der Lehrerin und psychologischen Beraterin Susanne Döbler-Eschbach wissen, die seit Jahren schulinterne Fortbildungen und Schulleitungs-Coaching durchführt.
 Lehrer halten ihre Hände in die Mitte und suggerieren Teamarbeit
Teamarbeit ist ein Schlüssel für Gesundheit

Frau Döbler-Eschbach, was sind eigentlich die größten Belastungsfaktoren im Lehrerberuf?

Susanne Döbler-Eschbach: Das hat die Potsdamer Lehrerstudie bereits vor mehr als zehn Jahren gezeigt, und es hat sich im Grunde nichts verändert. Die Belastungen sind immer noch dieselben: große Klassen, hohe Stundenzahl, wenig Anerkennung in der Öffentlichkeit. Hinzugekommen sind weitere Belastungsfaktoren, die damals in der Studie noch gar nicht zu Tragen kamen, nämlich die Bewältigung der Inklusion und die Integration der Flüchtlingskinder. Da sehen Lehrer, Schulleiter und Kommunen, dass sie die Ressourcen, die dafür nötig wären, nicht haben. Das sind finanzielle Ressourcen und Kompetenzen, die erst einmal aufgebaut werden müssen.



„Nicht einmal ein Stuhl für jede Lehrkraft“ Alles also eine Frage der Ressourcen?

Susanne Döbler-Eschbach: Man kann nicht generell von den fehlenden Ressourcen sprechen. Denn die Bedingungen an den Schulen sind nicht einheitlich. Schließlich sind sie auch stark abhängig von der wirtschaftlichen Kraft einer Kommune. Es gibt Schulen, die sind hervorragend ausgestattet. Andererseits sehe ich auch immer wieder Schulen, in denen der einzige internetfähige Rechner im Sekretariat steht. Es gibt Lehrerzimmer, da gibt es noch nicht einmal einen Stuhl für jede Lehrkraft, weil man davon ausgeht, dass ohnehin nie alle gleichzeitig dort anwesend sind. Diese mangelnden sächlichen Ressourcen sind nicht nur bedauernswert, nein sie haben Auswirkungen auf die Qualität von Unterricht und die Zufriedenheit der Lehrer.


An der Ressourcenverteilung scheint sich aber so schnell nichts zu ändern, müssen Kollegien diese Tatsache einfach hinnehmen und „weiterwurschteln“?

Susanne Döbler-Eschbach: An den Rahmenbedingungen kann der einzelne Lehrer tatsächlich nicht viel ändern. Aber, was wir auch aus vielen Studien wissen: Wer nicht nur reagiert, sondern auch agiert, dem geht es besser. Das bedeutet für den einzelnen Lehrer zum Beispiel, sich zu organisieren und auch politisch für eine bessere Arbeitsplatzsituation zu kämpfen. Außerdem sollten Lehrer viel mehr im Team arbeiten, Synergieeffekte nutzen und Aufgaben verteilen. Da sperren sich etliche Kollegien noch. Der Lehrerberuf läuft immer noch weitgehend so ab: In der Schule wird unterrichtet und die Vor- und Nachbereitung wird allein am heimischen Schreibtisch erledigt. Das passende Argument dazu lautet: ‚Wo sollen wir denn sonst arbeiten – es gibt ja keine Lehrerarbeitsplätze in der Schule.‘ Aber oftmals gibt es auch gar nicht den Wunsch nach Veränderung. Da muss ich fragen: Wie viel Selbstverantwortung und Selbstfürsorge übernehmen die einzelnen Lehrer?


„Inklusion wird die Teamarbeit womöglich befördern“ Lehrer sind also immer noch Einzelkämpfer?

Susanne Döbler-Eschbach: Es gibt Ausnahmen, aber Teamschulen sind noch immer in der Minderheit. Ich habe vorhin die Umsetzung der Inklusion als weiteren Belastungsfaktor angesprochen Aber es gibt auch eine andere Seite der Medaille: Die Inklusion wird die Teamarbeit womöglich befördern, weil es Bedarfsabsprachen unter den Fachlehrern einer Klasse geben muss, wie sie mit den verschiedenen Schülern umgehen. Für mich ist Teamarbeit ein Schlüssel für Gesundheit und Arbeitsplatzzufriedenheit - wenn Lehrer sich vom Einzelkämpfertum verabschieden und zur Zusammenarbeit kommen. Das erfordert die Bereitschaft zur Veränderung und Lehrer müssen dann häufiger in der Schule anwesend sein. Doch mir sagen viele Schulleiter, dass selbst junge Lehrkräfte immer noch diese Vorstellung haben: Mein Unterricht, meine Klasse und mein Schreibtisch zu Hause und ansonsten guckt mir hier keiner rein.


Aber sind wir da nicht wieder bei den Ressourcen, wo sollen Lehrer denn gemeinsam arbeiten, wenn es keine gemeinsamen Arbeitsplätze gibt?

Susanne Döbler-Eschbach: Wer bereit ist, erste Schritte zu tun, wird auch Lösungswege finden. Die Frage ist doch: Warte ich, bis sich die äußeren Rahmenbedingungen verändert haben und leide solange, oder nutze ich Handlungsspielräume, die es im übrigen immer gibt. Zum Beispiel, was die Lehrerarbeitsplätze betrifft: In allen Schulen gibt es Räume, die nachmittags nicht genutzt werden. Da lassen sich Modelle für gemeinsames Arbeiten finden. Es ist doch so: Je mehr Einfluss ich auf die Gestaltung meines Arbeitsplatzes nehmen kann, desto höher ist mein Handlungsspielraum und desto größer ist meine Arbeitsplatzzufriedenheit. Und die hängt ganz entscheidend mit meiner Gesundheit zusammen.


Wir haben von den einzelnen Lehrkräften gesprochen, spielen nicht auch die Schulleitungen eine wichtige Rolle?

Susanne Döbler-Eschbach: Ja. Schulleitungen können zum Beispiel versuchen, Strukturen zu schaffen, mit denen Teamarbeit nicht nur möglich, sondern auch für alle verbindlich ist. Viele Schulen haben mittlerweile wöchentlich einen Nachmittag für Besprechungen, Konferenzen und gemeinsames Arbeiten geblockt. Die Gesamtschulen haben mit diesem Modell begonnen. Wenn ich allerdings die Aufgaben sehe, die Schulen und Lehrer derzeit haben, dann muss ich sagen: Ein Nachmittag reicht nicht mehr. Schulen, die sich auf diesen Weg begeben, so meine Beobachtung, machen gute Erfahrungen damit. Diese Veränderung kostet anfangs Kraft und Zeit. Aber die Lehrer merken: Gemeinsame Vorbereitung, verbindliche Verabredungen zum Umgang mit schwierigen Schülern oder gegenseitige Hospitationen entlasten sie auch von der Bürde der alleinigen Verantwortung. Sie werden zufriedener, weil professioneller und das wirkt sich auch auf ihre Gesundheit aus.



  • eingestellt am 01.06.2016
Autor

scook