Flüchtlingskinder unterrichten

DaZ-Lerner: Erste Schritte für Grundschullehrer

Sprachbarrieren, kulturelle Besonderheiten und eine ungewohnte Umgebung: Den Start ins deutsche Schulsystem für Kinder mit Flucht- oder Migrationshintergrund zu gestalten, ist eine besondere Herausforderung. Die ersten Schritte sind bekanntlich die schwersten – diese Impulse erleichtern Sie Ihnen.
 Lehrerin und Schüler stehen um einen Globus.
Impulse für den DaZ-Unterricht in der Grundschule.

Fachunterricht mit Flüchtlingskindern und Kindern mit Migrationshintergrund: Wo anfangen und was tun?

Die Voraussetzungen und Kenntnisse sind so verschieden wie die Vorgeschichten und Schicksale. Wenn zu Ihren Schützlingen plötzlich auch Kinder mit Flucht- oder Migrationshintergrund zählen, sind viel Flexibilität und besonderes Einfühlungsvermögen gefragt. Die gute Nachricht lautet: Sie sind besser vorbereitet, als Sie im Vorfeld vielleicht denken – und es gibt viele gute und durchaus auch unaufwendige Gestaltungsmöglichkeiten, die den Anfang leichter machen.

Schritt 1: Behandeln Sie den Einstieg tatsächlich als Einstieg.  

Wenn die Kinder in der zweiten oder vierten Klasse dazustoßen, fragen Sie sich wahrscheinlich gleich, was Sie unternehmen können, damit die neuen Schüler schnellstmöglich gut im Unterricht "mitkommen". Machen Sie sich stattdessen zuallererst bewusst, dass für die Kinder der Einstieg in Ihrer Klasse meist auch der Einstieg ins deutsche Schulsystem ist – sie brauchen also ebenso eine Eingewöhnungsphase wie Ihre Erstklässler damals.

Ihr Vorgehen beim klassischen Schulanfang können Sie durchaus adaptieren: Laden Sie – ggf. mit einem Dolmetscher – die Eltern und Kinder ein, begrüßen Sie sie und geben Sie ihnen alle notwendigen Informationen an die Hand. Führen Sie sie herum, erzählen und erklären Sie und achten Sie darauf, auch das zu erläutern, was Ihnen ansonsten vielleicht selbstverständlich erscheinen würde. Viele Flüchtlings- bzw. Migrantenfamilien sind mit dem deutschen Schulsystem, den Regeln und Gepflogenheiten kaum vertraut – je besser und anschaulicher Sie also auch Grundlegendes erklären, desto besser klappt später die Zusammenarbeit. Anfangs geht es also weniger um Lernstände und Sprachkenntnisse – es geht zuallererst darum, ein Willkommensgefühl zu vermitteln und das Eingewöhnen und Ankommen in der neuen Situation möglichst niedrigschwellig und empathischen zu gestalten.

Schritt 2: Identifizieren Sie den Stand der Dinge und gestalten Sie die Eingewöhnung.

Die erste Schulphase dient vor allem dem Kennenlernen. Sie klopfen behutsam Lern- und Kenntnisstände ab, beobachten und versuchen, sich ein umfassenderes Bild zu machen. Zeigen Sie Interesse, suchen Sie den Kontakt und lernen Sie die neuen Kinder kennen. Welche Stärken haben sie, welche Förderbedarfe? Welche Charakterzüge fallen Ihnen auf und wie ist der Kontakt zu den neuen Mitschülern? Welche Verhaltensweisen beobachten Sie und was können Sie über die persönliche Vorgeschichte aufschnappen?

Klare, nachvollziehbare und verlässliche Strukturen erleichtern die Eingewöhnung und geben ein Gefühl der Sicherheit –  gerade für Kinder, die aus sehr unsicheren Situationen zu Ihnen gekommen sind, etwas sehr Wichtiges. Bleiben Sie beim Etablieren Ihrer Klassenregeln sensibel für die kulturellen und individuellen Besonderheiten und helfen Sie den Kindern dabei, die vielleicht ungewohnten neuen Regeln einzuüben.

Eine weitere wichtige "Baustelle" ist sicherlich das Sprachliche. Wenn Sie sich ein Bild vom Sprachniveau Ihrer neuen Schüler machen konnten, werden Sie am besten möglichst umspannend aktiv. Bieten Sie Sprachförderung, differenzierte Materialien und besondere Hilfen an, wo immer es Ihnen im Unterricht möglich ist. Mitschüler als "Lernbuddies" sind eine tolle Ergänzung und eine sehr effektive Lernhilfe „auf Augenhöhe“. Durch kooperative Unterrichtsformen sorgen Sie für zusätzliche Kontakt- und Sprechanlässe, und mit offenen Lernangeboten verschaffen Sie sich Zeit, sich intensiver um einzelne Schüler zu kümmern. Bei Bedarf sehen Sie sich ggf. zusätzlich nach ehrenamtlicher Unterstützung um. Ehrenamtliche Lernpaten können Sie durch gezielte (Sprach-)Förderung sehr gut entlasten.

Schritt 3: Fördern Sie die Integration und bleiben Sie aufmerksam.

Schneller Anschluss zu den anderen Kindern ist natürlich Gold wert. Ermuntern Sie Ihre Schüler regelmäßig, aufeinander zuzugehen und unterstützen Sie gezielt die Integration in die Klassengemeinschaft, indem Sie immer wieder kleine Erzähl-, Sprech- und Kontaktanlässe schaffen. Anfangs eignet sich alles gut, was auch mit geringen Sprachkenntnissen funktioniert – über Spiele, Bewegung, Musik oder Kunstaktivitäten finden die Kinder schnell einen Draht zueinander. Kooperatives Lernen, kleine Spiele zum sozialen Lernen und schöne Erzählanlässe sind aber auch über die Einstiegsphase hinaus gut investierte Unterrichtszeit. Lassen Sie die Schüler beispielsweise von ihren Lieblingsspeisen oder besonderen Ritualen zu Hause erzählen. Das ist nicht nur spannend, sondern baut gleichzeitig Vorurteile ab und fördert das Verständnis für verschiedene Kulturen.

Schließlich gilt: Bleiben Sie geduldig und besonders empathisch. Unaufmerksamkeit, Aggressivität oder anderes auffälliges Verhalten sind oft dem seelischen Ballast geschuldet, den gerade geflüchtete Kinder mit sich herumschleppen. Bleiben Sie aufmerksam, ob zusätzliche Hilfen nötig sind – vielleicht auch in Form externer professioneller Unterstützung. Die Arbeit eigens geschulter Spezialisten oder(Trauma-)Therapeuten können und sollen Sie selbstverständlich nicht ersetzen. Wenn Sie Rückzugsmöglichkeiten sowie Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume im kleinen Rahmen bieten, die den Kindern ein Gefühl von Kontrolle vermitteln, ihnen mit Verständnis und Einfühlungsvermögen begegnen und sie dort unterstützen, wo es Ihnen möglich ist, sind Sie aber auf einem sehr guten Weg.

Zum Weiterlesen: Praxistipps und Aufmunterung

Wenn Sie sich noch mehr konkrete Praxishilfen wünschen, lohnen sich diese  10 Ideen für den Unterricht mit Schülern mit Flucht- oder Migrationshintergrund. Und bei "Durchhängermomenten", Zweifeln und Frust empfehlen wir diesen Mutmacher-Artikel, der Ihnen positive Impulse gibt.

Quellen:

"Flucht und Migration – Herausforderungen für pädagogisches Handeln von Lehrkräften" von Olga Ermel und Stefan Faas, Schulmagazin 5-10, Ausgabe 9/2016, S. 7 ff

"Flüchtlingskinder und jugendliche Flüchtlinge in der Schule – eine Handreichung" von Hanne Shah, www.km-bzw.de, Ministerium für Kultur, Jugend und Sport Baden-Württemberg, S. 18 ff (http://km-bw.de/site/pbs-bw-new/get/documents/KULTUS.Dachmandant/KULTUS/kultusportal-bw/Publikationen%20ab%202015/2015-10-21-Fluechtlingskinder-Screen.pdf)