Interview mit Ursula Oppolzer

Kein Schreckgespenst: Vertretungsstunden

Diese Situation kennt wohl jede Lehrkraft: Ein Kollege fällt plötzlich aus und man muss ihn vertreten. Womöglich in einer Klasse, die man gar nicht kennt und einem Fach, das man gar nicht lehrt. Was tun? Kein Problem, erklärt Ursula Oppolzer, die viele Jahre in einer Realschule unterrichtet hat, in unserer Reihe „Ich mache das so“.
 Lehrerin steht im Klassenzimmer vor einer Tafel und lächelt.
Keine Angst mehr vor Vertretungsstunden.

Frau Oppolzer, ganz unerwartet eine Kollegin, einen Kollegen im Unterricht vertreten zu müssen, das ist wohl nicht unbedingt der Traum eines jeden Lehrers?

Ursula Oppolzer: Tatsächlich empfinden viele Lehrkräfte Vertretungsstunden eher als Belastung. Ich habe sie aber immer als Chance betrachtet. Als Chance nämlich, einmal aus dem normalen Schulalltag und dem Lehrplan ausbrechen zu können, indem ich aktuelle Themen aufgegriffen habe. Oder, indem ich versucht habe, spielerisch die Allgemeinbildung der Schüler zu fördern. Vertretungsstunden sind eine große Chance, Inhalte zu vermitteln, für die im normalen Unterricht meistens zu wenig Zeit ist.

Sie haben also nicht versucht, im vorgesehenen Unterricht – also zum Beispiel Englisch – fortzufahren?

Ursula Oppolzer: Nein, das kann man auch gar nicht verlangen. Erstens kann ich als Mathematiklehrerin nicht unbedingt Englisch unterrichten und zweitens kann es durchaus problematisch sein, im Stoff weiterzumachen. Schließlich kenne ich ja nicht zwangsläufig das Konzept dieser Lehrkraft und nehme womöglich etwas vorweg, was nach ihrer Planung erst später dran kommen sollte. Es ist also eher problematisch, den Unterricht fortzusetzen, ohne sich mit dem zuständigen Kollegen abzusprechen.

​"Über den Tellerrand schauen"

Und was sollte man stattdessen tun?

Ursula Oppolzer: Ich habe unter anderem Biologie und Mathematik unterrichtet. Aber als Biologielehrerin liebe auch ich nicht alle Themen, die im Fach vorgegeben sind. So hat jeder Lehrer in seinen Fächern weniger geliebte Themen und er hat Lieblingsgebiete, für die er sich besonders interessiert, die ihn begeistern. Bei mir ist es vor allem die Hirnforschung. Gerade Vertretungsstunden bieten sich an, um über den Tellerrand hinauszuschauen und den Kindern auf diesen Gebieten, die einen selbst fesseln, noch ein bisschen mehr beizubringen.

Trotzdem bleibt ja der unangenehme Überraschungsmoment: Ich muss jetzt in diese fremde Klasse und bin nicht vorbereitet.

Ursula Oppolzer: Man muss ja nicht unvorbereitet sein. Man sollte sich für diese Fälle spätestens zu Anfang des Schuljahres einen kleinen Fundus mit Aufgaben und Kopiervorlagen schaffen. Ich hatte immer mehrere Sätze von Kopien für jeden Jahrgang zur Verfügung und auf dem Rechner eine Datei mit Aufgaben. Selbst wenn ich keine Möglichkeit mehr hatte, zu kopieren, konnte ich rasch entscheiden: Heute mache ich das und das.

"Nicht zwei Mail dasselbe anbieten"

Und das war zum Beispiel?

Ursula Oppolzer: Wortschatztraining kann man immer und in jeder Klasse machen. Dazu zwei Beispiele: 1. Anagramme. Das bedeutet, aus den Buchstaben eines Wortes, zum Beispiel "Schmetterling" möglichst viele neue Wörter zu bilden. 2. Geschichten schreiben, in denen zum Beispiel möglichst viele Wörter mit "ai" vorkommen, aber keine Wörter mit "ei". Diese Geschichten sind gleichzeitig ein Kreativitätstraining, wozu ich Vertretungsstunden auch oft genutzt habe. Die Schülerinnen und Schüler mussten auch bestimmte Probleme oder Denkaufgaben lösen. Das ist letztendlich Mathematikunterricht, aber nicht mit dem aktuellen Stoff. Und es geschieht spielerisch. Dazu ein ganz praktischer Tipp: Man sollte sich unbedingt in einer Datei notieren, was man in welcher Klasse, besonders in welcher Parallelklasse, bereits gemacht hat. Schließlich kann es ja passieren, dass man innerhalb eines Jahres mehrere Male in der gleichen Klasse vertreten muss. Und dann sollte man den Schülern nicht zweimal dasselbe anbieten.

In einer fremden Klasse kenne ich als Lehrerin die meisten Schülerinnen und Schüler nicht. Nicht ihre Stärken und Schwächen und noch nicht einmal ihre Namen. Das macht das Unterrichten nicht gerade einfach.

Ursula Oppolzer: Was sich dann anbietet, ist Gruppenarbeit. Die Gruppen bekommen eine Aufgabe, erarbeiten die Lösungen, recherchieren - wenn möglich im Internet - und präsentieren ihre Ergebnisse. Sehr beliebt sind zum Beispiel auch A-Z-Spiele. Sie können die Kinder zu allen möglichen Themen und in allen Klassen auffordern, Begriffe von A-Z zu finden. Bei den Kleinen sind das Themen wie Obst, Tiere oder Pflanzen, bei den Größeren geht es dann vielleicht um englische Vokabeln oder Fremdwörter oder es werden Wissenschaftler und Erfindungen, Fachbegriffe aus Chemie und Physik oder Schriftsteller und Titel, Künstler und Musiker in den höheren Klassen gesucht.

Gedächtnistechniken und Konzentrationsübungen

Sie haben davor gewarnt, den Schülern zweimal den gleichen Vertretungsstoff anzubieten. Welche Unterrichtsideen lassen sich also noch umsetzen?

Ursula Oppolzer: Man kann den Vertretungsunterricht auch anderweitig nutzen. Schüler haben heute mehr Probleme als früher, sich zu konzentrieren. Ihre Wahrnehmung für Details liegt im Argen, auch durch den gestiegenen Medienkonsum und den Druck durch die sozialen Netzwerke. Gezielte Wahrnehmungsübungen sind eine Möglichkeit. Wir Lehrer können Kopfstände machen und einen hervorragenden Unterricht anbieten, wenn Schüler sich nicht mehr konzentrieren können und die Merkfähigkeit nachlässt, wird das meiste verpuffen. Mir liegt es sehr am Herzen, diesen Mangel auszugleichen. Auch dafür habe ich Vertretungsstunden immer wieder gern genutzt. Beim Training von Gedächtnistechniken stärken die Schüler ihr Vorstellungsvermögen, was ihnen im Unterricht und beim Lernen für eine Klassenarbeit oder einen Test zugutekommt. Die Schüler stellen sich zum Beispiel bei einer 1 einen Leuchtturm vor, bei der zwei eine Brille mit zwei Gläsern, und so weiter. So lernen sie, Begriffe mit Bildern zu verknüpfen, also Assoziationen zu bilden. Sie können dann auch eigene Bilder zum Verknüpfen wählen und sich diese Technik im normalen Unterricht zunutze machen.

Wird damit auch die Konzentration geübt?

Ursula Oppolzer: Ja, gewiss. Aber auch spezielle Konzentrationsübungen habe ich immer wieder in Vertretungsstunden angeboten. Konzentration erreicht man unter anderem durch Wettspiele. Wenn etwas unter Zeitdruck erledigt werden soll, dann muss man sich intensiv konzentrieren. Und: Die meisten Schüler lieben Wettspiele, es macht ihnen Spaß, in Gruppen oder einzeln im Wettstreit Aufgaben zu lösen. Zum anderen gibt es sehr schöne kurze Bewegungsübungen, die sowohl Konzentration als auch Rechtschreibung fördern. Ein Beispiel: Man macht für jeden Vokal eine Bewegung. Für den Buchstaben A werden die Arme seitwärts gestreckt, für das O werden sie nach oben gereckt und so weiter. Das kann man insbesondere in den jüngeren Jahrgängen üben. Ein Kind sagt ein Wort, zum Beispiel "Haus", und die Vokale müssen von einem anderen Kind in Bewegung umgesetzt werden. Das heißt gleichzeitig, wenn ich die Vokale in Bewegung setze, muss ich mir das Wort geschrieben vorstellen. Also lerne ich die Rechtschreibung. Diese Bewegungsspiele können Sie auch im Fach Englisch machen oder mit Fremdwörtern. Allerdings maximal bis Klasse sieben, danach wird‘s schwierig, denn die Kinder finden das "Gezappel" dann albern.

Weitere Ideen für den Vertretungsunterricht: In den höheren Klassen können die Schülerinnen und Schüler mithilfe des Internets Talkrunden  und Interviews mit berühmten Wissenschaftlern, Schriftstellern oder Künstlern entwickeln. In Klassen, in denen man selbst unterrichtet, kann man außerdem zu Beginn des Schuljahres eine Buchrallye vorbereiten. Etwa eine Rallye durch ein Schulbuch, bei der die Schülerinnen und Schüler die Antworten im Buch suchen müssen.

Also Vertretungsunterricht ist kein Schreckgespenst?

Ursula Oppolzer: Ich habe diese Stunden sehr geliebt, weil ich dann meiner Kreativität freien Lauf lassen konnte. Und wenn man selbst vom jeweiligen Thema begeistert ist, ist auch die Chance sehr groß, einige Schüler damit anzustecken.


  • eingestellt am 23.06.2017
Autor

scook

  • Zur Person

    Ursula Oppolzer/privat

    Ursula Oppolzer hat viele Jahre Biologie, Mathematik und Geografie an einer Realschule unterrichtet. Unterdessen arbeitet sie als Dozentin und Trainerin und hat bereits mehr als 20 Fachbücher und Ratgeber - unter anderem über Konzentrationstechniken, Gedächtnistraining und Lernstrategien - veröffentlicht. Bei Cornelsen ist zuletzt ihr Ratgeber 45 Vertretungsstunden – fächerübergreifend für die Klassen 5-10 erschienen.