Interview mit Wolfgang Biederstädt

"Veränderungen funktionieren nur auf Augenhöhe"

Schule braucht Entwicklung. Doch wie lassen sich neue Konzepte in den Schulalltag integrieren? Was muss zum Beispiel ein Rektor leisten, um seine Kolleginnen und Kollegen von einer Idee zu überzeugen? In unserer Reihe "Wir machen das so" berichten Schulleiter davon, wie Veränderungen gemeinsam mit dem Kollegium gelingen können.
 Fünf Personen kleben Postits ans Fenster.
Gemeinsam mit dem Kollegium entwicklunsrelevante Veränderungen bewirken.

Herr Biederstädt, 1992 haben Sie an Ihrer Schule, der Eichendorff-Realschule in Köln, einen bilingualen Zweig  - Englisch – eingerichtet. Und das zu einer Zeit, an der es lediglich an ein paar Gymnasien in Deutschland bilingualen Unterricht gab. Wie kam es zu Ihrer Idee?

Wolfgang Biederstädt: Angestoßen wurde dies vom damals zuständigen Referenten im Ministerium, der die Notwendigkeit erkannt hatte, Realschüler besser auf den europäischen Markt vorzubereiten – und zwar durch bessere englische Sprachkenntnisse. Diese Idee hat mich sofort fasziniert.

Und diese Idee hat auch das Kollegium direkt überzeugt?

Wolfgang Biederstädt: Nein, ich bin auch viel Skepsis begegnet. Es gab zum Beispiel die Argumentation: Ja am Gymnasium mag das klappen. Aber an der Realschule? Nie! Und dann mussten wir auch noch mit dem Vorwurf kämpfen, es ginge uns um Elite. Unser Ziel war aber nicht so sehr, noch bessere Realschüler fürs Gymnasium zu liefern - die hat es dabei natürlich auch gegeben - sondern Realschülern, die nach der Klasse 10 abgehen, durch dieses Sprachangebot bessere berufliche Chancen zu ermöglichen.

Und wie sind Sie diesen Kritikern begegnet?

Wolfgang Biederstädt: Als Schulleiter muss ich klare Ziele haben und muss für meine Idee brennen. Ganz konkret gehört zur Umsetzung eine Steuergruppe. Es ist aber mindestens genauso wichtig, mit den Kolleginnen und Kollegen über längere Zeit offene Gespräche zu führen, zu diskutieren. Und zwar nicht nur in Konferenzen, sondern auch im informellen Bereich. Man muss allen zuhören, seine Ideen einbringen und sehen wie die anderen reagieren. Man muss also viele Möglichkeiten der Diskussion schaffen, um zu der Entscheidung zu kommen: Ja wir versuchen das. Denn ein bilingualer Zweig war an einer Schule wie meiner in Ehrenfeld eine Herausforderung. Immerhin war Deutsch hier für 75 Prozent der Schüler ihre Zweitsprache.

Nach den Diskussionen und Konferenzen war die Umsetzung dann ein Kinderspiel?

Wolfgang Biederstädt: Es war nicht einfach. Denn zu der Zeit gab es wenige junge Lehrkräfte, das Gros der Lehrer hatte 15 oder mehr Dienstjahre hinter sich. Die musste ich mitreißen, sie überzeugen. Da ist damals der schöne Begriff von den "pädagogischen Flitterwochen" gefallen, auf die sich die Lehrer einließen.

Glücklicherweise hatte eine Kollegin zuvor längere Zeit in den USA gelebt und gearbeitet und gesagt: Ja, das machen wir. Wir haben dann die zwei Jahre, in denen die Kinder sechs statt vier Stunden Englischunterricht hatten, genutzt, um den englischsprachigen Geografieunterricht für Klasse 7 vorzubereiten. Das Ministerium hatte mittlerweile einen Schulversuch gestartet und Musterschulen in jedem der fünf NRW-Bezirke eingerichtet. Wir haben uns regelmäßig mit anderen Schulen getroffen, es wurden Unterrichtsstunden vorgeführt, Materialien und Handreichungen entwickelt und Fortbildungen organisiert. Was wir aber noch brauchten, war ein englischsprachiges Erdkundebuch, orientiert am nordrhein-westfälischen Lehrplan. Das habe ich dann zusammen mit dem Cornelsen-Verlag entwickelt: "Around the world". Es war das erste Buch für bilingualen Unterricht in der Realschule und wird in der Neuauflage noch immer in den Schulen eingesetzt.

Ein Konzept, Schulbuch und Fortbildungen: Damit waren dann alle Steine aus dem Weg geräumt?

Wolfgang Biederstädt: Im Prinzip ja. Jetzt war es meine Aufgabe als Schulleiter innerhalb der Schule dafür zu sorgen, dass die bilinguale Klasse nicht bevorzugt und genauso ausgestattet wurde wie die anderen Klassen. Außerdem habe ich die Lehrer so verteilt, dass jeder, der wollte, auch einmal in der bilingualen Klasse arbeiten konnte. Ich denke, so ist es gelungen, dass das Konzept im Kollegium akzeptiert wurde und heute noch akzeptiert ist. Und noch etwas: Die Lehrer haben bald gemerkt, dass diese Schüler auch im Fach Deutsch oder Mathematik, selbst im Sportunterricht, sehr motiviert und sprachsensibel waren.

Es gab also positive Auswirkungen über den bilingualen Unterricht hinaus?

Wolfgang Biederstädt: Auf jeden Fall. Es hat nämlich eine Art Backwash-Effekt stattgefunden. Lehrer, die Methoden entwickelt haben, um das Fach Erdkunde in einer Fremdsprache vermitteln zu können, haben diese Methoden dann auch in ihrem deutschsprachigen Unterricht angewendet.

Das bedeutet konkret?

Wolfgang Biederstädt: Ich muss mich im bilingualen Unterricht sehr genau mit Sprache und Umschreibungen befassen, ich muss sprachliche Hilfen geben. Wenn ich zum Beispiel das Thema Klimadiagramm behandeln will, dann muss ich in einer bilingualen Klasse die notwendige Sprache liefern, also unter anderem "this is a climate graph about" und "temperature is rising". Und diese Methode übertrage ich dann auch auf den deutschgeführten Geografieunterricht. Ich gebe also auch dort mehr sprachliche Hilfen und fördere damit gleichzeitig die Sprachsensibilität dieser Schüler.

Im Rückblick kann man also sagen: Es war richtig, den bilingualen Zweig an einer Realschule einzurichten?

Wolfgang Biederstädt: Ja! Was wunderbar war: Wir hatten vom ersten Tag an in dieser Klasse Schüler mit türkischen, polnischen, italienischen oder russischen Wurzeln. Das heißt, ein Schüler mit der Muttersprache Polnisch und der Zweitsprache Deutsch lernt intensiv Englisch, belegt auch meist Französisch bis zum Ende der Realschule und wählt oft noch Spanisch als Arbeitsgemeinschaft. Er verlässt also die Realschule mit Kenntnissen in fünf Sprachen.

Was raten Sie anderen Kollege, die an ihren Schulen etwas verändern möchten?

Wolfgang Biederstädt: Alle Veränderungen funktionieren nur auf Augenhöhe. Und ich muss auch den Zweiflern mit Respekt begegnen. Niemand darf das Gefühl haben, der hat sich jetzt eine Idee in den Kopf gesetzt und will sich profilieren. Auch muss ich deutlich sagen, was sich für Schule, für die Lehrer verändern wird. Ich muss Bedenken und Ideen der Lehrer mitnehmen. Und um Lehrer zu begeistern, müssen sie merken, dass Veränderungen letztendlich zum Wohle der Kinder stattfinden.

  • eingestellt am 29.11.2017
Autor

scook

  • Zur Person: Wolfgang Biederstädt war Schulleiter an der Eichendorff-Realschule in Köln. Unter seiner Ägide wurde dort der bilinguale Zweig eingerichtet. Er ist Autor mehrerer Schulbücher, Lehrbeauftragter an der Universität zu Köln und schult bundesweit angehende Lehrkräfte – insbesondere zu den Themen "Bilingualer Unterricht" und "Sprachsensibler Fachunterricht".