Interview mit André Spang über den Einsatz von Smartphones im Unterricht

"Es ist geschickt, klein anzufangen"

Mit den privaten Schüler-Smartphones im Unterricht arbeiten – das klingt interessant. Schließlich besitzt mittlerweile (beinahe) jeder Schüler spätestens ab Klasse 5 ein eigenes Smartphone. Doch ist die Idee wirklich so gut? Was muss ich als Lehrer beachten und wann ist es sinnvoll, mit den privaten Geräten zu lernen? Das wollten wir in unserer Reihe "Ich mache das so" von André Spang wissen, der als der Web-2.0-Lehrer schlechthin gilt.
 Vier Kinder schauen auf Smartphone bzw. Laptop, ein Mann schaut ihnen über die Schilter.
Mit einem gewissen Grundverständnis eignet sich die Arbeit mit Smartphones schon ab der Unterstufe.

Herr Spang, Sie waren in ihrer Zeit als Lehrer Mitinitiator des "Schulwiki" der Stadt Köln, Leiter des iPad-Projekts an ihrer Schule und sind Mitbegründer des Twitterchats #edchatDE. Kurzum: Sie sind Vorreiter in Sachen digitales Lernen. Was raten Sie Kolleginnen und Kollegen, die digitale Medien im Unterricht einsetzen und dabei auf die privaten Schülergeräte zurückgreifen wollen?

André Spang: Ich war als Lehrer in meiner Schule in der Lage, nicht unbedingt auf die privaten Geräte angewiesen zu sein, weil wir einen festen Bestandteil an Tablets hatten, die ich ausleihen konnte. Es gab aber auch Schüler, die mit ihren eigenen Tablets oder Smartphones arbeiten wollten. Und manchmal waren die Tablets bereits ausgeliehen. Ich bin das, wie vieles andere auch, mehr oder weniger pragmatisch angegangen. Allerdings gibt es eine wichtige Voraussetzung. Bevor die Schüler zum ersten Mal mit ihren privaten Geräten im Unterricht arbeiten, muss ich als Lehrer ein paar Dinge mit ihnen klären. Was man beim Herunterladen oder beim Veröffentlichen beachten muss oder wie ich ein sicheres Passwort für meinen Wikiaccount erstelle, zum Beispiel - das war bei mir im Unterricht Voraussetzung. Deswegen konnte ich private Smartphones einfach einsetzen, wenn es gepasst hat. Darüber hinaus ist es unumgänglich, dass man mit Schülern über die sozialen Unterschiede spricht, darüber nämlich, dass manche Schüler kein oder ein veraltetes Gerät haben. Und dass man dafür Lösungen findet. Einige Schüler sind von zu Hause aus besser ausgestattet, tragen teure Klamotten und können sich mehr leisten als andere. Das betrifft viele Bereiche. Aber die Debatte kommt immer im Zusammenhang mit Smartphones auf, aber mann muss diese Debatte ohnehin mit den Schülern führen auch in Bezug auf andere Themen, Marken, etc. Es geht schließlich um eine allgemeine Wertediskussion.

​Die Fallstricke

Und wie kann dann – ganz praktisch – das Lernen mit den Smartphones im Unterricht aussehen?

André Spang: Geschickt ist es, klein anzufangen. Der Klassiker ist ja: Guckt mal im Internet nach Infos – aber das bietet viele Fallstricke. . Schüler müssen lernen: Wie suche ich, wie bewerte ich die Ergebnisse und wie gehe ich damit um, wenn der erste Treffer Wikipedia ist und der Text für mich viel zu kompliziert ist? "Recherchiert mal schnell im Internet" ist also nicht die didaktisch durchdachteste Aufgabe. Besser ist diese: Liefert mir drei unterschiedliche Quellen und diskutiert die Ergebnisse mit eurem Nachbarn: Wo sind Abweichungen und wie würdet ihr die unterschiedlichen Suchergebnisse bewerten?

Oder man beginnt die Stunde mit einem "Lernspiel". Da gibt es entsprechende, auch kostenlose Plattformen, wie z.B, Kahoot! oder LearningApps.

Können Sie einen ganz einfachen Einstieg ins "Smartphone-Lernen" für Kollegen empfehlen?

André Spang: Ja, zum Beispiel, das von mir eben genannte Angebot Kahoot! Als Lehrer kann ich damit ganz einfach selbst ein Quiz erstellen. Ich brauche zum Beispiel als Fremdsprachenlehrer  nicht viel Zeit, um für die nächste Stunde ein Vokabelspiel vorzubereiten. Im Unterricht nutzen die Schüler dann ihre eigenen Handys für diesen spielerischen Vokabeltest und zum Schluss gibt es einen Sieger. Den Schülern macht das viel Spaß und es ist wirklich ein einfacher und Erfolg versprechender Einstieg fürs "Smartphone-Lernen".

Schon für die Kleinen?

Tablets und Smartphones im Unterricht – das ist in erster Linie etwas für die Oberstufe?

André Spang:

Die letzte JIM Studie hat belegt, dass die Abdeckung mit Smartphones in der 5. Klasse dramatisch nach oben gegangen ist, ebenso wie die Ausstattung mit Flatrates. Jüngere Schüler sind also besser ausgestattet als ältere, weil sie zum Wechsel auf die weiterführende Schule von Eltern oder Großeltern ein Smartphone geschenkt bekommen. Und das ist dann auf dem neuesten Stand. Ich habe immer wieder mit meinen Schülern über den Einsatz der Smartphones gesprochen. Und die Älteren waren sehr kritisch in ihren Einschätzungen. Sie meinten, das sei eher etwas für höhere Klassen. Ich sehe das anders. Wenn die meisten jüngeren Kinder ein Smartphone haben, dann müssen sie auch lernen, damit umzugehen. Ich habe aber beobachtet, dass sie eher damit allein gelassen werden, dass sie zu Hause nicht den kritischen Umgang damit lernen. Und es ist beunruhigend, wenn das in der Schule auch nicht passiert. Ich habe also Smartphones auch in den Anfangsklassen als Lernmittel eingesetzt und habe gleichzeitig die Möglichkeit genutzt, Medienkompetenz zu vermitteln. Die Vermittlung von Medienkompetenz steht im Prinzip in allen Lehrplänen. Hier sind alle Medien gemeint auch digitale Medien. Auf den Mix kommt es an.

Grundverständnis und Regeln

André Spang: Der Klassiker ist: Etliche Schüler haben auf ihrem Smartphone nur ein begrenztes Datenvolumen und sie haben außerdem unterschiedliche Systeme. Man kann zunächst spielerisch einsteigen, beispielsweise mit den bereits erwähnten Lernapps. Die Schüler sehen: Das Spiel läuft auf jeder Plattform und es braucht wenig Bandbreite. Aber wenn ich bei Youtube auf einer Playlist Videos bereitgestellt habe, und die Schülerinnen und Schüler auffordere, diese mit den eigenen Smartphones anzugucken, dann muss ich auch ein WLAN bereitstellen, weil diese Aktion ungleich mehr Daten verbraucht. Und die Kosten kann man schlecht den Schülern, beziehungsweise ihren Eltern aufbürden. Bei uns war durch den Schulträger WLAN bereitgestellt. Das System war leistungsfähig und bot auch eine Form der Kontrolle. Man konnte im Zweifel nachvollziehen, wenn Regelverstöße unternommen wurden und dann auch intervenieren: "Wenn das noch einmal vorkommt, kannst du hier nicht mehr ins Netz gehen – bitte halte dich an die Regeln." Oder es war möglich, den Klassen nur temporären Zugang zum Netz zu geben, also z.B. in einer bestimmten Stunde und danach den Zugang automatisch wieder sperren. Das sind technische Voraussetzungen, die man langfristig für das Arbeiten mit dem Netz benötigt. Ich kenne auch Kollegen, die sagen, ich habe eine Flatrate auf meinem Handy und stelle einen Hotspot bereit. Das muss man sich gut überlegen, es könnte ja auch rechtlich relevant werden. Davon würde ich eher abraten. All dies gehört aber zum Lernprozess. Wir arbeiten mit digitalen Geräten und mit dem Internet und dazu brauchen wir als Lehrer ein Grundverständnis, dazu gehört auch rechtliches Wissen. Und dazu gehören Regeln, so wie im Unterricht generell, denn auch bei Teamarbeit oder Stationenlernen gibt es Regeln.

Klingt ziemlich aufwendig.

André Spang: Das mag sich so anhören. Aber es ist Aufgabe der Schule, den Kindern mitzugeben, was sie später im Leben brauchen. Dazu gehören Lesen, Schreiben, Rechnen und digitale Kompetenzen.

  • eingestellt am 04.10.2017
Autor

scook

  • Zur Person

    André J. Spang war Oberstudienrat am Kaiserin Augusta Gymnasium in Köln, Mitinitiator des Schulwikis der Stadt Köln und Leiter des iPad-Projekts an seiner Schule. Er ist Mitgründer des Twitterchats #edchatDE, in dem jeden Dienstag von vielen Lehrern Bildungsthemen diskutiert werden.

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