Cajus Wypior erklärt, wie der zweite Teil der Lehrerausbildung dennoch gelingen kann

"Die Situation der Referendare ist ziemlich prekär"

Juchhu, das Lehramtsstudium ist geschafft! Aber vor dem Berufsstart wartet noch eine Hürde: das Referendariat. Und das birgt so manche Tücken, weiß Fachleiter Cajus Wypior. Wie man sie meistert, hat er zusammen mit seiner Kollegin Julia Keck im Ratgeber 99 Tipps: Referendariat verraten. Im Interview rät er den angehenden Lehrerinnen und Lehrern, eines zu sein: mutig.
 Ein Schüler sitzt an seinem Platz und bekommt Hilfe von einem jungen Lehrer.
Referendare müssen rechtzeitig den Umgang mit Kindern lernen.

Herr Wypior, welchen entscheidenden Tipp können Sie angehenden Referendarinnen und Referendaren mit auf den Weg geben?

Cajus Wypior: So profan es auch klingen mag: Referendare müssen rechtzeitig den Umgang mit Kindern lernen. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass junge Menschen zu uns ins Seminar kommen, die bislang keinen oder wenig Kontakt zu Kindern hatten und dann völlig erstaunt vor einer Klasse mit Kindern und Jugendlichen stehen. Dabei liegt es in ihrem Interesse, rechtzeitig die eigene Berufsperspektive zu überprüfen. Angehende Lehrer sollten deswegen möglichst schon im Studium - spätestens aber vor dem Referendariat - irgendetwas mit Kindern machen: als Fußballtrainer arbeiten, eine Jungschar leiten, Freizeiten betreuen und Ähnliches. Um zu schauen, ob sie mit Kindern klarkommen und ob sie um der Kinder willen in die Schule gehen.

"Wir unterrichten keine Fächer, wir unterrichten Schüler"

Welche anderen Gründe sollte es denn geben, Lehrer zu werden?

Cajus Wypior: Referendare denken häufig, dass es in der Schule darum geht, ein Fach zu vermitteln. Das ist der falsche Fokus. Wir unterrichten keine Fächer, wir unterrichten Schüler. Und diese Perspektivverschiebung von der Universität zur Schule ist elementar wichtig. Wir haben teilweise brillant ausgebildete und kompetente junge Studenten, die aber kaum ein Verhältnis zu den Kindern aufbauen können und es teilweise auch gar nicht wollen. Sie möchten eher Vorlesungen halten und sind in der Schule fehl am Platz.

Und was raten Sie all jenen, für die die Schule der richtige Platz ist? Wie kann ihr Referendariat gelingen?

Cajus Wypior: Die Situation der Referendare ist im Grunde ziemlich prekär. Sie stehen am Ende der Hierarchieleiter. Das heißt, sie haben mit ihren Fachleitern zu tun, mit den Seminarleitern, mit den Kollegen, mit den Eltern, mit den Schulleitern und sie sind abhängig von allen. Gleichzeitig sollen sie aber eine Rolle ausfüllen, die der eines Lehrers in Amt und Würden entspricht. Das ist ein unglaublicher Spagat, den die jungen Kolleginnen und Kollegen vollbringen müssen. Es gibt eigentlich nur zwei Lösungsmöglichkeiten. Erstens: Einsichtige Ausbilder, die genau diese Situation kennen und den Referendaren Brücken bauen, damit sie ihre Situation thematisieren können, ohne Konsequenzen zu fürchten. Und zweitens: das Verhalten der Referendare selbst.

Das bedeutet konkret? 

Cajus Wypior: Hier möchte ich die jungen Kolleginnen und Kollegen ermutigen, sich als Erwachsene zu verhalten. Sie sind nicht mehr Schüler, sie sind auch keine Studenten mehr. Als Erwachsener nimmt man sein eigenes Schicksal in die Hand. Das bedeutet, wenn man aufgrund der ungünstigen Stellung, die Referendare haben, in Situationen gerät, die man als negativ empfindet, dann muss man sich als Anwalt seiner selbst betätigen. Das heißt, man muss den Mut aufbringen, die Fachleiter, die Seminarleitung oder die Kollegen anzusprechen und um Änderung oder auch um Hilfe zu bitten. Manche Referendare trauen sich das einfach nicht, weil sie Angst vor schlechten Noten haben. Aufmerksame Leitungen an Schulen und aufmerksame Ausbilder bekommen das mit, andere nicht. Es ist aber entscheidend, dass die Referendare selbst tätig werden, um einer solchen Situation zu begegnen. 

Welche Erfahrungen haben Sie als Ausbilder gemacht, sind Referendare eher mutig?

Cajus Wypior: Ich erlebe Unterschiedliches. Ich erlebe, dass eine Fassade des Gelingens aufgebaut wird, ich erlebe auch Opportunismus. Aber ich erlebe auch, dass Referendare den Mut haben, für sich einzustehen. In der Regel sind das dann auch diejenigen, die ihr Referendariat erfolgreich hinter sich bringen.

Welche entscheidende Aufgabe hat eigentlich das Referendariat? 

Cajus Wypior:  Das Mantra der Referendarausbildung lautet "Ausbildung zum selbstständigen Entscheider". Referendare sollen lernen, selbstständig, eigenverantwortlich und sachlich angemessen begründet, didaktische und methodische Entscheidungen zu treffen. Wenn ihnen das gelingt, wenn ihnen der Freiraum zu dieser Entwicklung eingeräumt wird, dann wird das Referendariat fast zwangsläufig zum Erfolg führen. Denn der Unterricht, der daraus resultiert, ist ein Unterricht, der sich ausschließlich an den Schülern orientiert. Wir erleben es leider immer noch, dass manche Referendare denken, sie müssten die Erwartungen ihrer Ausbilder erfüllen. Bei Unterrichtsbesuchen oder Lehrproben ist es dann so, dass die Referendare verzweifelt versuchen, die Besucher zu bedienen, aber ihre Schüler dabei völlig aus dem Blickfeld verlieren. Dann entgleist der Unterricht, Unterrichtsentwürfe werden ohne Rücksicht auf Verluste exekutiert und zwar so konsequent, dass der Unterricht schließlich ohne Schüler stattfindet. 

Wie lässt sich das verhindern? 

Cajus Wypior: Eine gelingende Ausbildung bedeutet, dass die Referendare ermutigt werden, sich von den Ausbildern zu emanzipieren. Ziel der Ausbildung ist, dass die jungen Menschen auf Augenhöhe mit ihren Ausbildern über Fachdidaktik sprechen oder auch streiten können. Eine der besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Abschluss ist, wenn man es als Ausbilder schafft, die jungen Kollegen zur Selbstständigkeit zu befähigen. Das setzt natürlich voraus, dass die Ausbilder auch ihrerseits dieses Ziel haben.

Haben Sie neben der Aufforderung zu Mut und Emanzipation noch einen entscheidenden Tipp oder gar ein Patentrezept für Referendare?

Cajus Wypior: Der wichtigste Tipp heißt: Macht nach Herzenslust und in aller Ruhe Fehler! Wir brauchen eine fehlertolerante Ausbildung. Wir brauchen Ausbilder, die bereit sind, Fehler zu tolerieren und diese Fehler als echte Lerngelegenheiten zu nutzen. So können Referendare reflektiert aus ihren Fehlern lernen und gezielt mit ihren Ausbildern erörtern, welchen Aspekt sie verbessern und optimieren sollten. Das ist der Einstieg in eine individualisierte Referendarausbildung. Es gibt immer mehr Ausbilder mit einer hohen Fehlertoleranz, die zum Ausprobieren ermutigen und es gibt andere, die wollen bei ihren Unterrichtsbesuchen ausschließlich Gelingen sehen. Das halte ich für sehr problematisch. Solche Aspekte müssten schon während der Ausbildung zwischen Ausbilder und Referendar geklärt werden. Deswegen kann ich nur noch einmal dazu ermutigen: Traut euch, wagt es, Ausbildungsprobleme anzusprechen!


  • eingestellt am 14.06.2018
Autor

scook

  • Zur Person


    Cajus Wypior unterrichtet Geschichte und Katholische Religion am Robert-Mayer-Gymnasium in Heilbronn. Er ist Fachleiter für Geschichte am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Heilbronn, Fachberater für Geschichte am Regierungspräsidium
    Stuttgart, Lehrerfortbildner, sowie
    Lehrbeauftragter
    für Fachdidaktik der Geschichte an der Ruprechts-Karl-Universität Heidelberg. 

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