Interview mit Richard Heinen, Koordinator des Interreg-Forschungsprojekts School-IT Rhein-Waal

"Mit digitalen Medien lernen - immer wenn Schüler und Lehrer es wollen"

Just hat Bundesbildungsministerin Johanna Wanka angekündigt, in den nächsten Jahren fünf Milliarden Euro für die IT Ausstattung in deutschen Schulen auszugeben. Im Gegenzug sollen die Bundesländer pädagogische Konzepte erarbeiten und die Lehrer weiterbilden. Wie digitale Bildung mit entsprechender Ausstattung, mit guten Konzepten und mit einem funktionierenden Netzwerk gelingen kann, hat das Interreg-Forschungsprojekt School-IT Rhein-Waal gezeigt. Von Anfang 2012 bis Ende 2014 haben deutsche und niederländische Wissenschaftler dabei auch den Einsatz von Smartphones und Tablet PCs der Schüler untersucht. Ein Ansatz, der Schule machen könnte? Das wollten wir von Projektkoordinator Richard Heinen wissen.
 Schüler schauen gemeinsam mit ihrem Lehrer auf einen Bildschirm.
Digitalen Medien können für offene Unterrichtsformen genutzt werden.

Herr Heinen, das Forschungsprojekt School-IT Rhein-Waal ist bereits vor zwei Jahren beendet worden. Oder gibt es eine Fortsetzung?

Richard Heinen: Ziel war, nach Projektende zehn interessierte Schulen in Deutschland und in den Niederlanden zu unterstützen. In den Niederlande war BYOD (bring your own device) – also das Lernen mit privaten Geräten - unterdessen schon in vielen Schulen üblich. Da brauchte es eigentlich keinen weiteren Anstoß. In Deutschland sah und sieht es anders aus. Und hier sind dann etliche Schulen und Schulträger mit dem ganz konkreten Wunsch auf uns zugekommen, diese digitalen Lernkonzepte umzusetzen, und zwar gleich in mehreren Schulen einer Kommune. So ist ganz schnell die Idee der Netzwerkarbeit entstanden. Das heißt, vier oder fünf weiterführende Schulen einer Kommune schließen sich zusammen und durchlaufen gemeinsam mit dem Schulträger diesen Entwicklungsprozess. Wir haben kleinere Kommunen, in denen schnell alle weiterführenden Schulen im Boot waren. In größeren Kommunen, wie etwa Duisburg, haben wir mit einer Gruppe von fünf Schulen angefangen. Neu dazu kommt gerade die Stadt Köln. Hier gibt es ganz viele unterschiedliche Initiativen, was digitale Medien angeht, die aber oft noch sehr unverbunden nebeneinanderstehen.

Was ist mit dem Handyverbot?

Und wie sieht solch ein Entwicklungsprozess konkret aus?

Richard Heinen: Ziel ist, dass Schüler und Lehrer immer dann, wenn sie es wollen, mit digitalen Medien lernen können. Auch mit den privaten, die mitgebracht werden. Dafür muss zunächst einmal sehr viel Organisatorisches geklärt werden. Das beginnt schon damit, dass an den meisten Schulen ein Handyverbot existiert. Meist gibt es zwar Ausnahmeregeln für den Unterricht. Aber hier geht es darum, diese Regelung umzudrehen: Der Umgang mit privaten digitalen Medien sollte der Normalfall sein - ergänzt um die Klausel, dass jeder Lehrer in seinem Unterricht eine andere Regelung festlegen kann. Es müssen also neue Regeln ausgehandelt werden. Hier kann man wunderbar die Schüler in die Diskussion miteinbeziehen. Wir haben die Erfahrung gemacht, wenn Schüler diese Regeln entwickeln, dann sind die oft klarer, präziser, kürzer und härter, als sich das viele Lehrer vorstellen. So gibt es zum Beispiel Schulen, in denen die Handynutzung im Gebäude erlaubt ist, aber nicht auf dem Schulhof. Denn die Schüler haben gesagt: Wir möchten nicht, dass Schüler mit Blick aufs Handy quer über den Schulhof laufen und nicht sehen, dass andere dort Fußball spielen. Das sind schon durchdachte Regeln, die überdies den Vorteil haben, dass sie besser eingehalten werden, weil die Kinder sie sich selbst gegeben haben.

Das betrifft ja eher jede einzelne Schule – was ist mit dem Netzwerkgedanken?

Richard Heinen: In den Kommunen gibt es zum Beispiel regelmäßige Netzwerktreffen oder Mediencafés, wo Lehrer von verschieden Schulen zusammenkommen und fachbezogen arbeiten und ihre Projekte gegenseitig vorstellen. Es stärkt die Lehrer, zu sehen: Was ich mache, machen andere auch ganz ähnlich. Auch wenn ich an meiner Schule noch der Exot bin, so gibt es da draußen auch noch andere Exoten. Es ist also nicht ganz verkehrt, was ich mache. Dieses gegenseitige Stärken, Unterstützen und Beraten ist ein ganz wichtiger Baustein.

Lehrer gelten ja gern als Einzelkämpfer. In diesen Netzwerken sind sie es aber nicht?

Richard Heinen: Ein Beispiel: Ein Lehrer erzählte bei einem solchen Treffen, dass er ein Projekt vorstellen wollte, aber es habe leider vorne und hinten nicht geklappt. Dann haben alle Teilnehmer gemeinsam überlegt: Ist es wirklich gescheitert? Alle außer dem vortragenden Lehrer waren der Meinung: Nein es ist nicht gescheitert. In dem Projekt ging es darum, dass Schüler ein Chemieexperiment filmen wollten. Anfangs hat es ganz oft nicht geklappt, das lag mal an der Kameraeinstellung, mal auch daran, dass der Versuch nicht funktionierte. Aber das ist völlig in Ordnung, denn wenn man den Versuch öfter macht, erhöht das letztlich die Lernzeit. Schließlich war der Film fertig und dann stellte sich heraus, dass die Schülerin, die das Experiment durchgeführt hat, vergessen hatte, die Schutzbrille aufzusetzen. Und der Lehrer meinte: Diesen Film können wir nicht zeigen. Die anderen Lehrer hatten hingegen die gute Idee, den Film anderen Schülern zu zeigen, mit der Aufgabe, den Fehler zu finden. Also war das Projekt nicht gescheitert.

 Schüler lernen mit ihrem Tablet.
Einsatzszenarien für Smartphones im Unterricht.

Vom einfachen Quiz bis zur eigenen "Wikipedia"

Gibt es weitere – vielleicht auch simple – Einsatzszenarien für Smartphones im Unterricht?

Richard Heinen: Es gibt relativ einfache Tools, mit denen man interaktive Quizabfragen gestalten kann. Die lassen sich zum Beispiel für Vokabeltests nutzen. Die Kinder können zunächst zu Hause mit der App Vokabeln üben. Dann absolvieren sie den Test in der Schule mit ihren Smartphones. Für den Lehrer gibt es eine zusätzliche Erleichterung: Er erhält jedes einzelne Schülerergebnis und muss hinterher nicht stundenlang Vokabeltests korrigieren. Das ist ein ganz einfaches Beispiel. Aber entscheidend ist, dass man die digitalen Medien nicht nur für solche Aufgaben nutzt, sondern dazu, dass die Schüler eigene Produkte entwickeln – wie etwa beim eben erwähnten Chemie-Film.

Das gilt auch für andere Fächer?

Richard Heinen: In einer der Schulen beispielsweise haben die Schüler im Leistungskurs Biologie eine eigene kleine "Wikipedia“ erstellt, die dann zum Arbeitsbuch für den nächsten Jahrgang geworden ist. Sie haben also nicht bloß für die nächste Klausur gelernt, sondern etwas entwickelt, das darüber hinaus Relevanz hat. Oder ein anderes Beispiel: Im Fach Kunst haben die Schülerinnen und Schüler Postkarten über ihre Kommune gestaltet. Sie haben dazu unter anderem digitale Bildbearbeitungsprogramme genutzt. Diese Postkarten sind den Bürgern vorgestellt worden, die darüber abgestimmt haben. Drei dieser Postkarten sind dann tatsächlich gedruckt worden und werden jetzt für die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt verwendet. Die Schüler haben also nicht nur alles gelernt, was Aufgabe des Kunstunterrichts ist – wie etwa die Bedeutung der Perspektive. Sie wurden auch fit in Sachen digitaler Bildbearbeitung, und sie haben ein Produkt geschaffen, das über den Unterricht hinausreicht.

"Für offene Unterrichtsformen nutzen"

Als Gegenargument zum Lernen mit digitalen Medien wird gern der immense technische Aufwand genannt, der ja bei der Nutzung der privaten Geräte mit den unterschiedlichen Systemen wie iOS oder Android nicht geringer sein muss. Hat Ihr Projekt dazu Lösungen gefunden?

Richard Heinen: Bei den Projektschulen und jetzt auch bei den nachfolgenden Schulen haben wir sogenannte Medienscouts oder Tafelritter - das sind Schüler, die für den technischen Support zuständig sind. Also zum Beispiel für den Beamer, aber auch dafür, dass auf allen Handys das WLAN eingerichtet wird. Und wenn dann ein Schüler ein neues Handy hat und nicht mehr weiß, wie das WLAN-Einrichten funktioniert, muss nicht der Lehrer helfen, sondern das ist Sache der Medienscouts oder Tafelritter.

Also gibt es nur Gutes über digitale Medien in der Schule zu berichten?

Richard Heinen: Im Prinzip ja. Doch über eines muss man sich im Klaren sein: Es besteht die Gefahr, dass es zu Automatisierungsprozessen kommt. Etwa wenn die Kinder nur noch vor Lernprogrammen sitzen und klicken. Das wäre der falsche Ansatz. Denn das Entscheidende ist: Die digitalen Medien können wunderbar für offene Unterrichtsformen genutzt werden und den Schülern die Möglichkeit geben, ihre Lernwege selbst zu gestalten.


Weiterführende Links

Studie: Individuelle Förderung mit digitalen Medien, Richard Heinen, Michael Kerres, Bertelsmann Stiftung
Forum Bildung Digitalisierung – ein Projekt von fünf großen deutschen Stiftungen.
Forum Bildung Digitalisierung: Zwölf Videos über digitales Lernen

http://mediendidaktik.uni-due.de/ Learning Lab der Universität Duisburg-Essen
http://school-it-rhein-waal.eu/?q=de Interreg-Forschungsprojekt School-IT Rhein-Waal